Sport : Die Stunde des Exoten

Nach nur zwei sensationellen Spielen ist NBA-Basketballer Jeremy Lin der neue Liebling von New York.

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Von der Couch in den Garden. Jeremy Lin (l.) erzielte gegen Utah 28 Punkte. Foto: dpa
Von der Couch in den Garden. Jeremy Lin (l.) erzielte gegen Utah 28 Punkte. Foto: dpaFoto: dpa

Eigentlich wollte sich Jeremy Lin nur brav bei seinen Mitspielern und den Zuschauern bedanken, dann musste der 23-Jährige das Interview am Spielfeldrand aber unterbrechen. Das Publikum im Madison Square Garden ließ es sich nicht nehmen, seinen neuen Helden noch ein bisschen zu feiern, „Je-re-my, M-V-P“ schallte es durch die berühmteste Sportarena der Welt. Lin lachte schüchtern, der Basketballer der New York Knicks weiß, dass er weit davon entfernt ist, zum Wertvollsten Spieler der Profiliga NBA gewählt zu werden. Nicht nur ihm selbst war aber klar, dass gerade etwas Außergewöhnliches mit ihm passiert war.

„Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte damit gerechnet“, sagte Lin nach sensationellen 28 Punkten und acht Assists gegen die Utah Jazz. „Niemand hat das kommen sehen, auch ich selbst nicht.“ Lin ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein völliger NBA-Exot. Zunächst einmal ist er der erste chinesisch-stämmige Amerikaner in der US-Profiliga. Obwohl er bereits an seiner kalifornischen High School überragende Leistungen gezeigt hatte, hatte sich kein für Basketball bekanntes College für den Sohn taiwanesischer Einwanderer interessiert. Also studierte Jeremy Lin erst einmal an der Elite-Universität Harvard, an der Sport nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auch dort glänzte der Aufbauspieler, im Draft 2010 wollte ihn trotzdem kein Profiklub haben.

Über Umwege schaffte es Lin doch noch in die NBA – als erster Harvard-Absolvent seit 1954. Die Golden State Warriors strichen ihn im Sommer nach einer kaum nennenswerten Saison aber wieder aus dem Kader, auch die Houston Rockets fanden im Herbst keine Verwendung für Lin. Die Knicks holten ihn zwar kurz nach Weihnachten, schickten ihn aber zunächst zu einem Farmteam und gaben ihm nur einen befristeten Vertrag.

Als nun mehrere New Yorker Profis ausfielen, nutzte Lin seine Chance: Erst gelangen ihm am Samstag 25 Punkte gegen die New Jersey Nets, am Montag dann schlug der 1,91 Meter große Aufbauspieler Utah quasi im Alleingang: Lin dribbelte, Lin passte, Lin warf, Lin traf. Und das Publikum drehte durch. Am nächsten Tag schrieben die New Yorker Zeitungen von der „Linsanity“ (in etwa: dem „Wahnlin“), den die Nummer 17 der Knicks in der Stadt entfacht habe. Im Internet tauchte eine Rap-Hymne samt Highlight-Video auf. „Es ist unglaublich, was Jeremy leistet“, sagte Knicks-Center Tyson Chandler, der in der vergangenen Saison mit Dirk Nowitzkis Mavericks den NBA-Titel gewonnen hatte. „Wenn er spielt, bewegt sich der Ball viel besser.“ Der Lin-Kult könnte allerdings bald abflauen, wenn die zum Egoismus neigenden Stars Carmelo Anthony und Amar’e Stoudemire in den Kader der Knicks zurückkehren.

Für den Moment aber kann sich Jeremy Lin noch an Ruhm und Erfolg erfreuen, es ist nur noch Formsache, dass die Knicks ihn fest an sich binden. Dann wird sich der neue Held von New York auch eine permanente Bleibe in der Stadt suchen. Noch schläft Lin nämlich in der Studentenbude seines Bruders auf der Couch, wie die „New York Times“ ungläubig berichtete. Lars Spannagel

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