Sport : Die Sucht nach dem High Noon

Paul Biedermann sehnt sich nach Duellen, beim Schwimm-Weltcup hat er sie

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Kleines Päuschen. Paul Biedermann nach einem seiner Rennen. Foto: dpa
Kleines Päuschen. Paul Biedermann nach einem seiner Rennen. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Michael Phelps stapft zu einem der roten Clubsessel auf der Bühne, dann sinkt er schwerfällig ins Polster, es sieht aus, als würde man einen Kartoffelsack plumpsen lassen. Aber er ist gut gelaunt, er grinst, er hat lässig das linke Bein über das rechte Knie gelegt. Die gute Laune war nicht unbedingt zu erwarten, denn neben ihm sitzt, genauso lässig, Paul Biedermann. Der Typ, der ihn, den 14-maligen Olympiasieger, am Mittwoch noch geschlagen hat, auf den letzten Metern. Paul Biedermann aus Halle an der Saale hatte beim Kurzbahn-Schwimmweltcup in Moskau Michael Phelps Superstar über 200 Meter Freistil noch abgefangen, in Weltjahresbestzeit (1:43,15 Minuten), Phelps schlug nach 1:43,31 Minuten an.

Jetzt werden beide in einem Nobel-Hotel in Berlin präsentiert, zwei von mehr als zwei Dutzend Weltklasse-Schwimmern, die am Samstag und Sonntag beim Weltcup in Berlin (Halle an der Landsberger Allee; Finals: Samstag 15 Uhr, Sonntag 15.20 Uhr) starten. Britta Steffen ist dabei, Yannick Agnel auch, der Europameister über 400 Meter, der Biedermann bei der EM 2010 überraschend besiegt hatte. 27 Weltmeister, elf Weltrekordler, nahezu die komplette Weltspitze.

Genau deshalb liebt Biedermann diese Weltcups. Er hat die Weltspitze vor der Nase, er hat hier diesen harten Kampf, Mann gegen Mann, er gegen Phelps, gegen Agnel. „Ich suche diese Duelle“, sagt er. Der Sieg gegen Phelps, diese Aufholjagd auf den letzten Metern, das ist der Kick für einen wie Biedermann. Es gibt viele deutsche Spitzenschwimmer, die solche harten Duelle scheuen, Biedermann sehnt sich nach ihnen. „Dieser Sieg gegen Phelps, der war wichtig für den Kopf“, sagt er. In Moskau, vor der letzten Wand, da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf: „So könnte es auch im olympischen Finale 2012 in London sein.“

Er wäre auch in Berlin gerne gegen Phelps geschwommen,aber der US-Amerikaner verzichtet diesmal auf die 200 Meter Freistil. Fünf Strecken absolviert er trotzdem, ein strammes Programm, aber Phelps brummt nur: „Das geht schon.“ Und, mit Seitenblick zu Biedermann: „Es ist immer eine Herausforderung, gegen den Weltrekordler anzutreten.“ Biedermann hält die Weltbestzeiten über 200 und 400 Meter Freistil. Über beide Distanzen startet er auch in Berlin.

Gut, Phelps hat er diesmal nicht als Gegner, aber da ist ja noch Agnel, der Franzose. Biedermann trifft auf seinen beiden Strecken auf ihn, wieder so ein direkter Kampf. „Mit ihm habe ich noch eine Rechnung offen“, sagt der 23-Jährige. Und überhaupt: „Es beschränkt sich nicht mehr nur auf einen Zweikampf von mir gegen Phelps.“

Da gibt es natürlich noch ein anderes Thema, aber das interessiert Biedermann offiziell nicht. Die Zukunft von Bundestrainer Dirk Lange? „Dazu sage ich nichts.“ Same procedure as every year, er kennt das doch. Langweilig allmählich. „Ich kann mich an keinen großen Wettkampf erinnern, vor dem nicht der Verband durch den Kakao gezogen wurde“, sagt er so gelangweilt, als müsste er den Wetterbericht vergangener Woche kommentieren.

Lutz Buschkow, der Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbands (DSV), sagt auch nichts. Oder besser gesagt, sehr wenig. Aber das wenige ist aufschlussreich genug. Ist Lange 2012 noch Bundestrainer? „Das weiß ich nicht.“ Dann schiebt er noch schnell nach: „Aber kein Trainer weiß heute schon, ob er in London dabei ist. Die Trainer werden ja vom Deutschen Olympischen Sportbund nominiert.“ Als ob diese Floskel die Brisanz aus der Personalie Lange nehmen würde. Lange und sein Chef Buschkow können nicht miteinander, wegen des Bundestrainers gibt’s in der DSV-Führung „Abstimmungsgespräche“. Lange wird scheibchenweise demontiert, die Querelen, die seit längerem intern schwelen, sind jetzt deutlicher als je zuvor offenkundig geworden. Lange beklagt zu wenig Kompetenzen, Buschkow und der DSV kreiden ihm wiederum das Versagen der deutschen Mannschaft bei der WM an. Lange freilich sieht in diesem Punkt auch Heim- und Landestrainer in der Verantwortung.

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