Sport : Die Summe aller Unmöglichkeiten

Mit dem Willen zu Qualen kann Alba Berlin eine verrückte Saison doch noch mit dem Meistertitel krönen

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Zum Greifen nahe. Nach dem Ausgleich in der Finalserie kann Taylor Rochestie nun mit Alba den Titel holen. Dazu trug er 13 Punkte, 10 Vorlagen und 6 Rebounds bei. Foto: nordphoto
Zum Greifen nahe. Nach dem Ausgleich in der Finalserie kann Taylor Rochestie nun mit Alba den Titel holen. Dazu trug er 13 Punkte,...Foto: nordphoto

Berlin - Es geschahen Dinge, die schon unwirklich waren. Da schnappte Julius Jenkins kurz vor der Halbzeit dem Bamberger Wühler John Goldsberry einen Offensivrebound vor der Nase weg. Und blockte gleich im Gegenzug einen Schuss von Brian Roberts, als wäre der nur 1,87 Meter große Basketballer sein Leben lang ein Center-Hüne gewesen und hätte es bislang nur erfolgreich verheimlicht.

Da traf Derrick Allen plötzlich nach Belieben aus der Ferne, mit seiner Technik, die eher einem Einwurf beim Fußball ähnelt als einer klassischen Wurfhaltung. Und da zischte Spielmacher Heiko Schaffartzik zwischen allen Bamberger Riesen hindurch, um einen Fehlwurf von Yassin Idbihi vom Ring zu fischen und selbst hineinzulegen – statt wie sonst umgekehrt. Bambergs Trainer Chris Fleming, ein rationaler Vertreter seiner Zunft, konnte es nicht fassen: „Alba Berlins Guards Schaffartzik und Rochestie haben jeder sechs Rebounds geholt und unsere Center zusammen gerade mal sieben“, stellte er fest. Die beiden kleinsten Spieler im Berliner Team konnten mit 2,15-Meter-Mann Tibor Pleiß und dem Bamberger Sprungwunder Kyle Hines mithalten.

Doch an diesem Tag ergab die Summe aller Unmöglichkeiten einen 87:67-Sieg, den erneuten Ausgleich der Finalserie und die Möglichkeit, am Samstag in Bamberg im entscheidenden Spiel doch noch Meister zu werden. Es wäre der krönende Abschluss einer Saison voller Verrücktheiten. Dazu gehörte auch, dass bei Alba am Dienstag plötzlich zwei Point Guards auf dem Platz standen. „Es war eine Option, die wir uns überlegt hatten und die gut funktioniert hat“, sagte Muli Katzurin. Damit half der Trainer seinen Spielmachern, nicht nur beim Rebound. „Es ist ein Vorteil, wenn man sich absprechen und Kräfte sparen kann: Bringst du den Ball nach vorne oder ich?“, sagte Schaffartzik.

Doch zum willkürlich Wirkenden gehört auch, dass man es mit Willen erzwingt. Alba griff mehr als doppelt so viele Abpraller (36:17) vom Brett wie Bamberg – immer auch ein Indikator, wie sehr eine Mannschaft bereit ist, sich zu quälen, um leichte gegnerische Punkte zu vermeiden oder eigene, zweite Wurfchancen zu bekommen. „Wir hatten die ganze Saison Probleme damit, aber heute wollten wir den Ball einfach mehr“, drückte es Tadija Dragicevic aus. „Heute ist keiner zum Rebound gegangen und dachte: Ich probier’s mal“, sagte Albas Geschäftsführer Marco Baldi, „das war Überzeugung, den Ball zu kriegen.“

Eine These, die Schaffartzik nur scheinbar widerlegte: „Ich denke in solchen Situationen ehrlich gesagt nicht viel nach“, sagte er offen. Damit belegte er wiederum Baldi. „Die Spieler sind jetzt in einem Tunnel, mit denen kannst du Bowlen gehen oder zum Bungee-Jumping, das bekommen die gar nicht mehr mit“, schilderte er den Gemütszustand nach 67 kräftezehrenden Spielen, denen nun das alles entscheidende 68. folgen wird. Der Tunnel richtet sich jetzt nur noch auf ein Ziel.

„Es würde mir und dem Team die Welt bedeuten, dort Meister zu werden“, sagte Derrick Allen. Vor einem Jahr scheiterte er noch in der gleichen Situation mit Frankfurt in Bamberg. Dass er nun mit Alba triumphieren kann, dafür sorgte er selbst, als der vielleicht unwahrscheinlichste Spieler in einem unwahrscheinlichen Team. Hatte er beim letzten Spiel in Bamberg keinen einzigen Korb getroffen, sorgte er nun mit 18 Punkten dafür, dass die Bamberger nach dem Rückflug die Meisterfeier dem heimischen Markplatz die Meisterschaft vorerst absagen mussten. „Ich hatte heute eine Menge offene Würfe, die habe ich genommen und getroffen“, erklärt er seine Leistung . „Wenn ich keine Wurf-Chancen bekomme, dann heißt es, ich hätte schlecht gespielt.“

Und doch gibt er zu: „Es stimmt, unter Druck sind wir am besten.“ Baldi drückt es prosaischer aus: „Es ist eine Qualität dieser Mannschaft, dass sie noch einmal alles gibt, wenn der Arsch zur Wand hängt.“ Und in Bamberg gehe es nicht darum, „sich schön das Bällchen zuzupassen, sondern darum, wer noch einmal mentale Barrieren überspringen kann – es wird weh tun“. Insofern ist es kein Nachteil, dass Berlin sich nun wieder quälen muss – in Bamberg, wo noch keine deutsche Mannschaft in dieser Saison etwas geholt hat, Alba am Allerwenigsten. Denn das Unmögliche, das Unwahrscheinliche wird bei Alba relativ – und bisweilen Realität.

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