Sport : Die Systemfrage

Immer mehr Mannschaften spielen im defensiv orientierten 4–5–1. Sogar die Holländer, berühmt für ihre drei Stürmer. Deutschland behält wenigstens zwei.

Stefan Hermanns

Der Magie des Augenblicks konnte sich auch Johan Cruyff nicht entziehen. Hollands höchster Fußballweiser sagte nach dem 3:0-Sieg der Niederländer gegen Italien, dass die Mannschaft von Bondscoach Marco van Basten nun genauso weiter spielen müsse. Ein paar Tage zuvor hätte Cruyff eine derartige Forderung noch als fortgesetzten Verrat an den holländischen Fußballprinzipien gedeutet. Van Bastens Abkehr vom heiligen 4-3-3-System mit den beiden Außenstürmern an der Kreidelinie hin zum 4-5-1 war von Cruyff auf das Schärfste kritisiert worden, aber hatte der Bondscoach überhaupt eine Wahl? „Gibt es denn heute noch richtige Außenstürmer?“, fragt Rafael van der Vaart. „Der Einzige, der mir einfällt, ist Arjen Robben.“ Johan Cruyff hat sich von solchen kleinlichen Einwänden noch nie beeinflussen lassen, er sah die Unverwechselbarkeit des holländischen Fußballs in Gefahr. „Jetzt spielen wir wie alle anderen“, klagte er kurz vor Beginn des Turniers. Kurz nach Beginn des Turniers muss man zumindest feststellen, dass die Holländer zwar wie alle spielen, aber das dann ziemlich gut.

Wie im normalen Leben gibt es auch im Fußball bestimmte Moden, und wie im normalen Leben werden die Trends von den Schönen und Erfolgreichen geprägt. Als die Italiener vor zwei Jahren Weltmeister wurden, spielten sie ein 4-5-1-System mit nur einem Stoßstürmer (Luca Toni) und Francesco Totti als Grenzgänger zwischen Mittelfeld und Angriff dahinter. Seitdem ist das 4-5-1 so etwas wie das herrschende System des Weltfußballs. Bei der Europameisterschaft treten – mit leichten Modifikationen – mehr als die Hälfte der Mannschaften so an wie die Italiener vor zwei Jahren. „Diese Tendenz ist seit einigen Monaten festzustellen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw, der sich jedoch schon früh entschieden hat, nicht jeden Trend mitzumachen. Die Nationalmannschaft behält ihr 4-4-2-System als taktische Grundordnung bei, mit vier Mittelfeldspielern auf einer Linie und zwei Stürmern davor. „Bei uns gibt es das klare Bekenntnis zu zwei Stürmern“, sagt Löw. „Für unser schnelles Spiel nach vorne brauchen wir Anspielstationen möglichst weit vorne.“

Das 4-5-1 entspringt einer eher defensiven Herangehensweise an das Spiel. Es geht darum, die Kontrolle im Mittelfeld zu erlangen. „Die Frage ist: Wie begegnet man diesen Mannschaften?“, sagt Löw. „Wie ist es, mit einem Vierer-Mittelfeld gegen ein Fünfer-Mittelfeld zu spielen?“ Natürlich gibt es auch innerhalb des Systems verschiedene Interpretationen: Es ist ein Unterschied, ob die drei Spieler hinter dem Sturm wie bei den Holländern Rafael van der Vaart, Wesley Sneijder und Arjen Robben heißen oder ob, wie bei den Tschechen, David Jarolim als zentraler Mann in der Dreierkette aufgeboten wird.

Man sollte meinen, dass es für eine Abwehr einfacher ist, wenn sie es nur mit einem Stürmer zu tun bekommt, in Wirklichkeit aber ergeben sich für die Innenverteidiger andere, neue Probleme. „Das ist eine schwierige Geschichte“, sagt Per Mertesacker. Zumal wenn die beiden äußeren Mittelfeldspieler des Gegners im Angriff an die Linie ausweichen. Gegen Polen haben sich Deutschlands Außenverteidiger bewusst nicht nach außen locken lassen, um die Abstände in der Viererkette klein zu halten. Dass die Polen vor allem über die linke deutsche Abwehrseite einige Male flanken konnten, galt als notwendiges Übel.

Aber auch die Innenverteidiger stehen immer wieder vor schwierigen Entscheidungen und Abwägungen, vor allem wenn der zentrale Mittelfeldmann in die Spitze vorstößt. „In welchem Moment muss ich ihn aufnehmen? Wann muss ich ihn gehen lassen? Wann muss der Sechser sich zuordnen?“, sagt Mertesacker. „Wenn man zu früh rausgeht, gibt man hinter sich den Raum frei für den zweiten Stürmer oder für einen Mittelfeldspieler.“

Noch größer sind die Probleme in der Offensive. Gegen Teams, die 4-5-1 spielen, lassen sich nur mit größter Mühe Wege durch das gut zugestellte Mittelfeld finden. Das fängt schon im Aufbauspiel für die Innenverteidiger an. „Man muss zusehen, dass man den Ball nicht zu früh zum Mittelfeldspieler passt, damit der nicht noch alle Gegenspieler vor sich hat, sondern schon einer oder zwei Spieler ausgespielt sind“, sagt Mertesacker.

Gut organisierte Mannschaften mit fünf Leuten im Mittelfeld sind kaum noch zu knacken. Es gilt den einen Moment abzupassen, in dem die Defensive unorganisiert ist. Gegen Polen ist das den Deutschen mehrere Male gelungen, nachdem sie im Mittelfeld den Ball erobert hatten. „Wir wollten die Polen rauslocken“, sagt Joachim Löw, „damit bei Ballgewinn schon vier Leute ausgespielt sind.“ Dass Leo Beenhakker, Polens Trainer, die Deutschen nach dem Spiel zu Weltmeistern im Kontern ernannt hat, ist ein Beleg dafür, dass das Konzept aufgegangen ist. Seit Montagabend aber haben die Deutschen in der Disziplin Kontern einen ernstzunehmenden Konkurrenten: die Holländer.

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