Sport : Die Teilzeit-Fundamentalisten

Wie rechtsextreme Fans in Italiens Fußballstadien kontrollieren

Paul Kreiner

Nein, sie haben natürlich nichts verbrochen. Im Gegenteil: Sie waren die Opfer einer bedrohlich aggressiven Stimmung im Olympiastadion von Rom am vergangenen Sonntag. Als ihre Anführer aufs Spielfeld vordrangen und den Abbruch des römischen Lokalderbys erzwangen, dann nur, um Schlimmeres zu verhüten, eine Massenpanik zum Beispiel. So erklären es die Ultras, die Extremen unter den Fans des AS Rom. Und auch wenn sie die dreistündige Straßenschlacht mit der Polizei lieber nicht erwähnen, sehen sie dennoch erstmals Bedarf, sich öffentlich zu rechtfertigen: „Niemals war es unsere Absicht und wird es unsere Absicht sein, eine von den Ordnungskräften unkontrollierbare Situation zu provozieren.“

15 Prozent der Stadionbesucher gehören nach Einschätzung des italienischen Verfassungsschutzes zu den Extremen, 60 000 Fans, organisiert in 300 Gruppen. Ein Drittel von ihnen lässt sich auch politisch einordnen: ganz weit rechts. In den Siebzigerjahren, als sich die Ultras zu organisieren begannen und den Schwarzhandel mit Tickets unter ihre Kontrolle brachten, da galten sie, wenn überhaupt, als links. Doch die Szene hat sich gewandelt. So hat sich der römische Zirkel „Montemario“, benannt nach dem gutbürgerlichen Wohnviertel oberhalb des Olympiastadions, umgetauft in „Giovinezza“ – so hieß die Siegerhymne der Faschisten von Benito Mussolini.

Andere Fankreise nennen sich „Viking“, „Tradizione Distinzione“, also etwa „Hochachtung vor der Tradition“, oder „Irriducibili“ – „Unbeugsame“. Zu ihrem Repertoire zählen Spruchbänder gegen „Negermannschaften und Juden-Kurven“, sie schwenken Kelten- und Hakenkreuze und bedienen sich des „römischen Grußes“, wie man in Italien das Hochheben des ausgestreckten rechten Armes nennt. In Interviews legen sie Wert darauf, als „faschistisch“ und nicht als „nazistisch“ eingestuft zu werden.

Eine Ansammlung sozial Unterprivilegierter sind die Ultras allerdings nicht mehr. Ein italienischer Soziologe spricht von „Teilzeit-Fundamentalisten“. Zum Beispiel die Rädelsführer des Spielabbruchs im römischen Olympiastadion, Stefano Sordini und Stefano Corriero, 34 und 29 Jahre alt: Sie arbeiten die Woche über als Anlagenverkäufer und Kameramann. Beim SS Lazio, der zweiten römischen Mannschaft, sind die „Fedelissimi“, die „Allertreuesten“, sogar zu erfolgreichen Unternehmern geworden: Die Ultras haben dem Verein den lukrativen Handel mit Andenken und Devotionalien abgetrotzt – oder besser: den Verein erst gar nicht herangelassen. Ihre Marke „Original Fans“ vertreiben sie über eine Kette von Geschäften.

Eine weitere wichtige Rolle für die Mobilisierung der Fans spielen die Privatradios – wohl auch am vergangenen Sonntag, als im Olympiastadion die Falschmeldung kreiste, ein Roma-Fan sei von der Polizei zu Tode gefahren worden. Das Gerücht, nach dessen Ursprung immer noch gefahndet wird, hatte die Hysterie auf den offenbar überfüllten Rängen ausgelöst. In den viel gehörten Privatradios finden die Fans ihr Forum, dort diskutieren und polemisieren sie. Wer sich über die Szene informieren möchte, kommt um die Sender nicht herum. Geleitet werden die täglich zusammen siebenstündigen Foren von Starmoderatoren wie „Marione“ Corsi oder „Diabolik“ Fabrizio Piscitelli – beide haben eine rechtsradikale Vergangenheit.

Wie man die extremen Fans in den Griff bekommen soll, dafür hat Italien offenbar kein Rezept. Bezeichnend ist der Umgang mit den Rädelsführern vom vergangenen Sonntag: Nach vier Tagen in Haft wurden sie vom Untersuchungsrichter freigelassen. Er konnte ihnen weder Gewalt noch Anstiftung dazu nachweisen, auch keine Bedrohung der Spieler. Die römische Polizei, massiv verärgert über diesen Quasi-Freispruch, sah dies anders: Sie untersagte den Anführern für die nächsten drei Jahre das Betreten des Stadions. Vor, während und nach jedem Spiel des AS Rom müssen sie sich künftig in ihrem Polizeirevier melden.

Ruhe in den Kurven garantiert das nicht. Die Ultras von Lazio wurden am vergangenen Sonntag von einem Anführer koordiniert, der wegen anderer Straftaten unter Hausarrest steht. Ganz offen hat dieser Fabrizio Toffolo danach erzählt, dass er in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher gesessen habe. Da habe er „gewisse Dinge“ gesehen „und meine Order gegeben“.

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