Sport : Die "Times" fühlt mit Nordirland

SEBASTIAN ARLT

Sämtliche Stars des deutschen Gegners kicken in England VON SEBASTIAN ARLT

Da spendete sogar die ehrwürdige "Times" etwas Trost: "Bemitleidenswertes Nordirland", so titelte das Londoner Blatt nach der Auslosung der Gruppen für die WM-Qualifikation.Portugal, Deutschland und Ukraine hießen neben Armenien und Albanien die Gegner der nordirischen Fußball-Nationalmannschaft."Ich weiß nicht so richtig, ob ich lachen oder weinen soll", meinte Trainer Bryan Hamilton zu den dicken Brocken in der Gruppe 9."Ich favorisiere weinen." Und die Laune des Trainers ist inzwischen noch schlechter geworden, wenn sein Team heute gegen Deutschland anzutreten hat. Nach einem guten Start, so hatte man sich bei den Nordiren gedacht, wollte man voller Selbstbewußtsein nach Nürnberg fahren.Aber in Belfast unterlag man gegen die Ukraine erst mit 0:1, gegen Armenien gab es dann nur ein 1:1.Die Fans sind enttäuscht, beim Guinness oder beim Whiskey in den Pubs wird auf Hamiltons Team geflucht.Die Mannschaft (und der Trainer) haben den Kredit verspielt, den sie sich gerade nach dem 1:1 gegen den späteren Europameister Deutschland im Mai erarbeitet hatten.Da macht selbst wenig Hoffnung, daß der letzte deutsche Sieg gegen Nordirland (5:0) schon 19 Jahre her ist, daß von den letzten vier Spielen die "Germans" keines gegen das Team aus dem von London verwalteten Nordostteil der Grünen Insel gewinnen konnten. Dreimal war Nordirland bei einer Weltmeisterschaft vertreten, zuletzt vor zehn Jahren in Mexiko.Und damals wie heute kickt kein Spieler der Nationalmannschaft in Nordirland.Dort fristet die erste Liga ein Mauerblümchendasein: kaum Zuschauer, wenig Interesse des Fernsehens, so gut wie keine Sponsoren.Nur ein paar wenige Klubs können mit einem Teil ihres Teams unter Halbprofibedingungen arbeiten.Die Spieler des VfB Stuttgart staunten nicht schlecht, als sie im Sommer im UI-Cup beim FC Glentoran in der Hauptstadt Belfast antraten und erfuhren, daß einige Gegenspieler noch bis kurz vor Spielbeginn ihrer normalen Arbeit nachgegangen waren.Kein Wunder also, daß die Besten in englischen Klubs spielen. "Schon die jungen Talente lockt der Ruf des Geldes nach England", sagt Hamilton.Einer der ganz Großen von einst, der berühmt-berüchtigte George Best, wechselte schon als 15jähriger aus seiner Heimat zu Manchester United.Und auch die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten haben vor dem Fußball nicht Halt gemacht, trotz allem Verbindenden, das dieser Sport auch in Nordirland (etwa 1,6 Millionen Einwohner) geschafft hat .Als 1971 der Mannschaftsbus des protestantischen Gästevereins FC Ballymena United beim FC Derry City in einem streng katholischen Gebiet entführt und in Brand gesetzt wurde, wollte kein anderer (protestantischer Klub) mehr in Derry spielen. Der Klub mußte sich aus der nordirischen Liga zurückziehen und trat dann - nach 13 Jahren vergeblichen Wartens auf Besserung der Verhältnisse - 1985 schließlich der Liga der Republik Irland bei.Dort wurde der Verein in der vergangenen Saison übrigens Sechster.Aktueller Vorfall: Kürzlich mußte das Punktspiel zwischen Meister FC Portadown und dem FC Cliftonville zur Halbzeit abgebrochen werden, nachdem die Anhänger des protestantischen Klubs Portadown die Fan-Busse des gegnerischen, katholischen Vereins mit Steinen beworfen hatten. Aber eines ist den Feinden gleich: Sie werden heute alle mit dem nordirischen Team zittern.

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