Sport : Die Toilette ist wieder geöffnet

Sie spielen noch nicht, aber Kramnik und Topalow stehen vor dem Ende ihres Streits bei der Schach-WM

Martin Breutigam

Die Schach-Weltmeisterschaft zwischen Wesselin Topalow und Wladimir Kramnik in Kalmückien/Russland ist zu einem Nervenkrieg eskaliert. Nachdem sich beide Seiten trotz nächtelanger Verhandlungen nicht über die Bedingungen einer Fortsetzung des Kampfes einigen konnten, vertagte Kirsan Iljumschinow, der zugleich Präsident Kalmückiens und des Weltschachbunds Fide ist, gestern Mittag die auf Sonntag verschobene Partie ein weiteres Mal. Der Russe Kramnik war wie berichtet am Freitag nicht zur fünften Partie angetreten, nachdem das Schiedskomitee einem Protest der bulgarischen Seite recht gegeben hatte.

Topalow bekam daraufhin kampflos den Sieg zugesprochen und verkürzte seinen Rückstand auf 2:3 Punkte. Dieser Spielstand, ließ Iljumschinow gestern verlauten, sei der kritischste Verhandlungspunkt. Kramnik will den Kampf nur beim Stand von 3:1 fortsetzen; Topalow beharrt auf seinem kampflosen Sieg, andernfalls werde man abreisen.

Topalows Manager Silvio Danailow hatte am Donnerstag mit einem Protest den Eklat ausgelöst: Videobänder zeigten angeblich, dass Kramnik während der Partien auffällig oft seinen Ruheraum verlasse und in die nicht videoüberwachte Toilette gehe. Obwohl der Antrag an einem spielfreien Tag gestellt wurde und damit formal unzulässig war, tagte das dreiköpfige Komitee, dem auch zwei umstrittene Funktionäre angehörten, unter anderem ein Freund Danailows: Surab Asmaipaschwili, der Fide-Vizepräsident. Zwar stellten sie fest, dass Danailows Angaben zur Anzahl der Toilettengänge mit 50 in sechs Stunden übertrieben war – tatsächlich sollen es etwa 20 gewesen sein –, sie entschieden aber, Kramnik müsse sich nun eine Toilette mit Topalow teilen.

Kramnik war empört über den Betrugsvorwurf und die Entscheidung des Komitees, er pochte auf Einhaltung des Regelwerks und fragte, wer die eigentlich nur für die Schiedsrichter bestimmten Videobänder weitergegeben habe.

Iljumschinow appellierte an die Weltmeister: „Sie spielen für die gesamte Schachwelt.“ Kramnik hat seine weitere Teilnahme indes an vier Bedingungen geknüpft: Die kampflos verlorene fünfte Partie müsse gespielt und der Toilettenraum wieder geöffnet werden; ferner forderte er, das „parteiische Schiedskomitee“ auszuwechseln, sowie eine schriftliche Entschuldigung von Danailow.

Gestern verbuchte Kramnik einen Teilerfolg: Iljumschinow ließ erklären, dass trotz der „bestehenden tiefen Widersprüche“ schon ein „beträchtlicher Fortschritt“ erreicht worden sei. Topalow akzeptiere nun, dass Kramnik eine eigene Toilette bekomme und dessen Recht, diese unbeschränkt oft benutzen zu dürfen. Außerdem trat das Schiedskomitee zurück; Iljumschinow selbst übernimmt vorerst dessen Funktion.

Inzwischen haben etliche Großmeister das Verhalten der Topalow-Seite als einen böswilligen Versuch verurteilt, Kramnik aus dem psychischen Gleichgewicht zu bringen. Ohne einen Beweis Kramnik Betrug zu unterstellen, erscheint verblüffend, zumal dagegen nie gesehene Vorkehrungen getroffen worden sind: Störsender rund ums Gebäude verhindern, dass elektronische Signale ausgetauscht werden; zwischen Spielern und Zuschauern steht eine Glaswand, um heimliche Zeichengabe auszuschließen; beide Seiten können vor und nach den Partien die gegnerischen Räume untersuchen. Diese Maßnahmen waren auf Wunsch der Kramnik-Seite getroffen worden, nachdem Gerüchte die Runde machten, Topalow könnte seinen Aufstieg zur Nummer eins der Welt mit Computerhilfe während der Partien erreicht haben.

Gegen Manipulationen sprechen aber vor allem die bisherigen vier Partien: Es waren spektakuläre, typisch menschliche Partien, mit typisch menschlichen Fehlern und etlichen Positionszügen, die kein Computerprogramm vorschlagen würde.

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