Sport : Die Tore geöffnet

Bei Neuruppins 0:4 gegen Bayern in Berlin müssen nicht alle Zuschauer zahlen

Claus-Dieter Steyer

Berlin - So schafft man sich Sympathien: Zuerst lässt der MSV Neuruppin rund 3000 Zuschauer eine Viertelstunde nach Beginn des Pokalspiels gegen Bayern München kostenlos ins Berliner Olympiastadion. Die zehn Vorverkaufskassen konnten den Ansturm der Fans nicht mehr bewältigen. „Schade ums Geld“, sagte Vizepräsident Dietmar Lenz. „Aber wer konnte ahnen, dass so viele Zuschauer dabei sein wollten. Da haben wir halt alle Tore geöffnet.“ 33 189 Besucher hatten zuvor Tickets gekauft, rund 20 000 kamen aus Neuruppin. Dann erwies sich auch die Mannschaft aus der viertklassigen Oberliga als guter Gastgeber: Sie bot ihren Fans eine starke Leistung, doch die Tore durfte der Rekordmeister schießen. Beim 4:0 (1:0)- Sieg trafen Ismael und Ottl sowie zweimal Scholl.

Mit etwas Glück hätten die Neuruppiner kurz nach Anpfiff sogar in Führung gehen können, als Balke Torwart Kahn mit einem scharfen Schuss prüfte. Trainer Felix Magath sparte nicht mit Komplimenten für den Außenseiter. „In der ersten Halbzeit hat Neuruppin sehr gut gespielt und uns doch viel Mühe gemacht“, sagte er. Die Bayern waren allerdings nicht mit dem ganz starken Ensemble nach Berlin gefahren. Ballack, Luzio und Makaay wurden für das Bundesliga-Spiel gegen Hertha am Sonnabend geschont. Magath sprach von einem „typischen Arbeitssieg“. Beim Gegner hätten in der zweiten Hälfte die Kräfte nachgelassen. Pech für die Neuruppiner war sicherlich, dass Mehmet Scholl gestern seinen „98. Frühling erlebte“, wie Trainer Magath den Formanstieg des Mittelfeldspielers bewertete.

Die Fans aus Neuruppin waren zufrieden. Ausgerechnet nach dem dritten Gegentor 20 Minuten vor Schluss liefen sie zur Hochform auf. Bei einem Spielstand, bei dem in anderen Stadien die ersten Zuschauer ihre Plätze enttäuscht verlassen, legten die Anhänger aus der märkischen Kleinstadt eine La Ola nach der anderen auf. „Diese Begeisterung hätten wir dann doch nicht erwartet“, wunderte sich MSV-Kapitän Neubert. „Es ist einfach nur sagenhaft. Dieses Erlebnis kann uns niemand mehr nehmen, obwohl wir jetzt alle fix und fertig sind.“

Die zahlreichen Bayern-Anhänger stimmten gern in den Jubel ein. Aber auch die neutralen Berliner Zuschauer ließen sich von der guten Stimmung anstecken. „Wir fahren doch nicht ins Olympiastadion, um hier nur Klamauk abzugeben“, hatte Neuruppins Vizepräsident Lenz versprochen. „Wir nehmen das Spiel schon sehr ernst.“ Seine Mannschaft machte die Ankündigung wahr und erkämpfte sich so selbst ihren zusätzlichen Sympathiepunkt. Als herausragender Spieler verdiente Torhüter Unger die besten Noten. Er klärte immer wieder bei Schüssen von Deisler, Schweinsteiger oder Ze Roberto mit starken Paraden und hielt so das Ergebnis im erträglichen Rahmen. „Der hatte wirklich einen überragenden Tag“, lobte Magath. „Mich bewegt schon die Frage, ob er jedesmal diese Klasse zeigt.“ Sein Trainerkollege Christian Schreier, in den Achtzigerjahren Bundesligaprofi in Bochum und Leverkusen, schüttelte den Kopf. „Leider ist das nicht immer der Fall.“ Aber seine ganze Mannschaft sei über sich hinausgewachsen. „Das war wirklich eine Supervorstellung.“ Es werde nun wahrscheinlich sehr schwer werden, diese Leistung im Oberliga-Alltag fortzusetzen. Am kommenden Mittwoch wartet der Torgelower SV Greif zum Nachholspiel. Die Vorbereitungszeit fällt kürzer als gewöhnlich aus. Das Neuruppiner Präsidium bereitete gestern für den späten Abend eine Party im heimischen Neuruppiner Sportcenter vor – mit offenem Ende.

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