Sport : Die Tücken im Drehbuch

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Sven Goldmann über die neuen Perspektiven der KlitschkoBrüder

Der Ruf des Preisboxens ist nicht der beste unter den Freunden der Leibesertüchtigung. Das hat moralische und medizinische Gründe, und beide taugen sie zur Analyse dieses denkwürdigen Kampfes zwischen Witali Klitschko und Lennox Lewis. Klitschkos linke Augenbraue klaffte von der dritten Runde an so weit auseinander, dass der Cutman in jeder Rundenpause Vaseline fingerdick in das Gesicht des Boxers schmierte. Ungezählte Wattestäbchen taten ihren Dienst am Schmiss, zuletzt verschwanden ganze Zellophanstreifen im fließenden Rot. Aus medizinischer Sicht war der Abbruch dieses WM-Kampfes zu vertreten.

Was die moralische Seite betrifft: Die hat im Profisport einen schweren Strand. Vielleicht hat Lewis dem Schicksal seines Gegners mit einem Kopfstoß nachgeholfen, nachzuweisen ist das nicht. Natürlich protestieren sie jetzt alle und fordern Neuansetzung. Das gehört zum Geschäft, und in diesem Geschäft kennt sich Klitschkos Manager Klaus- Peter Kohl ganz gut aus. Im vergangenen Jahr ist er in den USA zum Promoter des Jahres gewählt worden. Dem amerikanischen Boxsender HBO hat er ein schönes Drehbuch vorgelegt, mit einer langfristig angelegten Pointe. Arbeitstitel: Die Rache des Bruders.

Niemand hat so recht geglaubt, dass Witali Klitschko diesen Kampf gegen den großen Lennox Lewis gewinnen würde. Allerdings hat auch niemand angenommen, dass Lewis so übergewichtig und schlecht eingestellt in diesen WM-Kampf gehen würde. So bekam der ältere, nicht ganz so talentierte der beiden Klitschkos, eine Chance, die im Drehbuch gar nicht vorgesehen war. Witali sollte den Türöffner spielen, die Klitschkos in den USA mit einer ehrenwerten Niederlage in einem großen WM-Kampf bekannt machen. Dann sollte der kleine Bruder Wladimir als Rächer auftreten (und das Geldverdienen so richtig losgehen).

Die Umsetzung dieses Skripts aber stand in letzter Zeit sehr infrage, nachdem Wladimir von einem als Aufbaugegner eingeplanten Südafrikaner windelweich geschlagen worden war. Auf einmal stand die Zukunft der Klitschkos so sehr infrage wie vor ein paar Jahren, als Witali in Berlin vor den zugeschalteten amerikanischen Fans einen Kampf wegen Schulterverletzung aufgeben musste und der US-Reporter das hässliche Wort vom ukrainischen Weichei in sein Mikrofon sprach. Am Sonntag hat das Weichei Satisfaktion erhalten. Witalis großer Kampf überdeckt den Ausrutscher des kleinen Bruders. Am Sonntag hat Amerika einen neuen Helden entdeckt. Dem Nebendarsteller verdankt es die Familie Klitschko, dass ohne sie nichts mehr laufen wird im Schwergewicht.

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