Sport : Die Tür zur Tour

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Von Hartmut Scherzer

Luxemburg. Sechs Stunden vor dem Start der 89.Tour de France hat Jan Ullrich mit seinem Drogengeständnis sein Gewissen erleichtert. Seiner Mannschaft hat er damit eine Last genommen. „Jan hat mit einem Schlag reinen Tisch gemacht. Das war das einzig Richtige“, sagte Teamkollege Rolf Aldag. Nach dem „Schock, dem Entsetzen und der Enttäuschung“, so der Westfale, kennt das Team jetzt Jan Ullrichs Wahrheit über die positive A-Probe und die näheren Umstände. Eine „blöde Situation“ sei es für ihn gewesen, räumte Teamchef Walter Godefroot ein, ständig nach einem Vorfall gefragt zu werden, von dessen Hintergrund er keine Kenntnis hatte. Erleichterung über das Ende der Ungewissheit war daher bei Rennfahrern und sportlicher Leitung gleichermaßen zu spüren.

Am Fernseher in ihrem Quartier in Luxemburg hatten Ullrichs Teamgefährten am Vormittag die Beichte des reuigen Sünders auf der Pressekonferenz in Frankfurt verfolgt. Danach zeigten sie zwar Verständnis für dessen „ganz schwierige Situation“ (Erik Zabel), erteilten aber nicht vorbehaltlos die Absolution. Schließlich habe ihr Kapitän mit seiner zugegebenen „Riesendummheit“, bedenkenlos zwei Tabletten eines Unbekannten bei seinem „Zug um die Häuser“ zu schlucken, den Fortbestand des ganzen Teams gefährdet. Aldag sagte: „Sein Verhalten ist weder mit Alkohol noch mit Frustration zu entschuldigen. Jan musste sich über die Folgen und das Risiko für die ganze Mannschaft im Klaren sein.“

Nun hoffen alle, dass der Star, dem sie auch viel zu verdanken haben, vor dem Sportgericht glimpflich davonkommt. Jeder vertraut darauf, dass Telekom nach der Ankündigung des Kommunikationsdirektors Jürgen Kindervater, „den Menschen Jan Ullrich nicht fallen zu lassen“, am Kapitän und am Team festhalten wird. Alle wünschen sich, dass ein geläuterter Tour- und Olympiasieger zu einem Comeback fähig ist, und bieten ihre Hilfe an. „Ein Mörder bekommt eine zweite Chance. Warum nicht auch ein Sportler“, formulierte Godefroot drastisch.

Rudy Pevenage, der Sportdirektor, fordert Ullrich allerdings auf, sich von seinen Freunden zu trennen, anstatt sie in Schutz zu nehmen. „Diese dummen Jungs in seiner Umgebung machen seine Karriere kaputt. Jan sollte wieder auf uns hören.“ Godefroot nennt Bedingungen: „Erstens: Das Knie muss gesund werden. Zweitens: Der Mensch Jan Ullrich muss aus seinem Tief rauskommen. Drittens: Der Rennfahrer Ullrich muss sich entscheiden, ob er seine Karriere mit allen Konsequenzen fortsetzen will.“

„So kann ich nicht aufhören“, hatte Ullrich auf der Presekonferenz gesagt. „ Ich bin topmotiviert, um von ganz unten wieder ganz nach oben zu kommen.“ Der Direktor der Tour de France, Jean-Marie Leblanc, hält dem „Champion“, wie er Ullrich nennt, bei seiner Rückkehr nach der Strafe „die Tür zur Tour“ offen. Und auch Teamkollege Erik Zabel hofft auf einen Läuterungseffekt bei Jan Ullrich: „Vielleicht hilft ihm die ganze Sache, wieder das Wesentliche zu erkennen.“

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