Sport : Die Überschätzten

Den vor der EM in Deutschland als Mitfavoriten gefeierten Basketballern fehlte es in Schweden auch an Bescheidenheit

Benedikt Voigt

Weit nach Mitternacht ging Stefano Garris in der Hotellobby ans Klavier und griff in die Tasten: „Oh Susanna, why don’t you cry for me.“ Es war das erste Mal seit der Schlusssirene im verlorenen EMSpiel gegen Italien, dass ein deutscher Basketball-Nationalspieler wieder ein wenig Frohsinn zeigen konnte. Unmittelbar nach dem Spiel gab die deutsche Delegation ein anderes Bild ab. Die meisten weinten.

Als einer der ersten Spieler fand Dirk Nowitzki einige Worte für das, was sich vor der Europameisterschaft niemand vorstellen konnte: dass eine deutsche Basketball-Mannschaft mit dem NBA-Star von den Dallas Mavericks nicht unter die besten acht Teams in Europa kommen würde. „Wir haben jetzt einen Tiefpunkt erreicht, aber die Mannschaft ist noch jung“, sagte der 25-Jährige. Ob er im nächsten Jahr auch bei der EM-Qualifikation spielen werde, konnte er wie alle anderen deutschen Spieler noch nicht sagen. „Das ist noch zu früh, um etwas über die Zukunft zu sagen“, erklärte Nowitzki, „jetzt kommt erst einmal die NBA-Saison, in der ich viel erreichen will.“ Präsident Roland Geggus sagte: „Jeder könnte verstehen, wenn Dirk Nowitzki jetzt sagen würde, er möchte mal ein Jahr pausieren.“ Auch der Star des deutschen Teams fand bei der EM in Schweden nie zu seiner Bestform.

Trainer Henrik Dettmann fand weitere Gründe dafür, dass sein Team zu keinem Zeitpunkt die Form fand, die es bei der Weltmeisterschaft in Indianapolis hatte. Dort gewann es Bronze, was vor der EM die hohen Erwartungen geschürt hatte. „Der Druck von außen war nicht klein“, sagte Dettmann, „das war etwas Neues für die Jungs.“ Sportdirektor Wolfgang Brenscheidt fragte sich auch, ob es richtig war, das Team vor der EM in Deutschland einem so großen Trubel auszusetzen. Und ganz auffällig war, dass von der Ersatzbank überhaupt keine Impulse kamen. Die Stammformation musste immer länger eingesetzt werden. Für Aufbauspieler Mithat Demirel gab es in Misan Nikagbatse oder Steffen Hamann keinen Ersatz. Die Folge war, dass die Einsätze von Nowitzki, Femerling, Demirel und Okulaja immer länger wurden. Jörg Lütcke fehlte nach langer Verletzung die Spielpraxis. „Und bei der WM hatten wir noch mit Henrik Rödl einen erfahrenen Spieler dabei“, sagte Dettmann. Was ihm aber im Vergleich zum vergangenen Jahr besonders auffiel: „Die Bescheidenheit hat bei uns gefehlt“, aber er entschuldigte das sofort: „Das ist menschlich.“

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