Sport : Die Uhr ist nichts fürs Herz

Tony Martin ist heute bei der WM in Kopenhagen Favorit im Zeitfahren. Noch lieber würde der deutsche Radprofi aber große Rundfahrten gewinnen

Tom Mustroph
Foto: dapd
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Berlin - Er ist der Thronanwärter. Tony Martin, 26 Jahre jung, Polizeiangehöriger, will heute in Kopenhagen (12.30 Uhr, live bei Eurosport) Zeitfahrweltmeister im Radsport werden und den bisherigen Dominator Fabian Cancellara ablösen. Allen Prognosen zufolge ist das Regenbogentrikot für ihn sogar schon exklusiv bereitgelegt. „Er ist der Favorit Nummer 1, über ihn läuft die Entscheidung“, sagt Jan Schaffrath, Martins sportlicher Leiter sowohl bei dessen bisherigem Hauptarbeitgeber HTC Highroad als auch beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Schaffrath ist kein Mann der großen oder tönenden Worte – doch Martins Leistungen in diesem Jahr haben auch bei ihm riesige Erwartungen geweckt.

Bei den Zeitfahrten der Tour de France und der Vuelta ließ der in Cottbus geborene, in Hessen aufgewachsene und in Thüringen zum Profi gereifte Martin die Konkurrenz weit hinter sich. Mit jeweils mehr als einer Minute Vorsprung düpierte er auch Cancellara, den überragenden Zeitfahrer der vergangenen Jahre. „Mein Ziel ist klar: Ich will Zeitfahrweltmeister werden“, sagt der zweifache WM-Bronzemedaillengewinner Martin jetzt vor seinem großen Rennen am Mittwoch.

Hat er das geschafft, wird er sich zu einer Richtungsentscheidung für den Fortgang seiner Karriere durchringen müssen. Denn eigentlich besteht der Traum des Mannes, der in der Art, wie er auf dem Rad sitzt und in die Pedale tritt, an den frühen Jan Ullrich erinnert, darin, bei Rundfahrten auch im Gesamtklassement zu brillieren. Bislang verhinderten regelmäßig Schwächeanfälle Spitzenplatzierungen. „Ich kann es mir auch nicht erklären“, sagt Martin ratlos. Bei seinem Zeitfahrsieg in Frankreich gab er bekümmert zu: „Wenn ich die Wahl hätte, diesen Etappensieg gegen eine Top-10-Platzierung in der Gesamtwertung einzutauschen, würde ich darauf eingehen.“ Martin weiß: Zeitfahrer sind geachtete Spezialisten. Die Herzen der Radsportliebhaber werden jedoch von den großen Rundfahrern entflammt. Und ein solcher Herzensentzünder will eben auch Martin sein. Zumal seine Karriere bislang weitgehend frei von Dopinggerüchten geblieben ist, lediglich die sieben Punkte für ihn auf der internen, in ihren Kriterien aber nicht transparenten Dopingverdachtsliste des Weltradsportverbandes UCI stimmen nachdenklich.

Die Strecke in der dänischen Hauptstadt passt Tony Martin nicht wirklich. „Auf den ersten Eindruck kommt mir der WM-Kurs nicht zu 100 Prozent entgegen. Es geht oft um die Ecken. Für einen Fahrer wie mich, der erst richtig ins Rollen kommen muss, ist das nicht perfekt“, sagte er. „Mir fehlen die langen Geraden.“ Aufpassen muss Martin vor allem auf den starken U-23-Weltmeister des Vorjahres, Taylor Phinney aus den USA, auf den Briten Chris Froome, der nach seinem zweiten Platz bei der Vuelta auf einer Euphorie-Wolke schwebt – und natürlich auf Cancellara. Der Schweizer flüchtete vor den Querelen seines halb aufgelösten, halb mit dem Armstrong-Rennstall Radioshack fusionierenden Teams Leopard in ein besessenes Zeitfahrtraining hinter einem Motorrad. Weil seine Saison unter den Erwartungen verlief, ist der Schweizer hoch motiviert. „Einen Mann wie Cancellara würde ich niemals abschreiben“, warnt auch BDR-Betreuer Schaffrath, vor demjenigen, der bei seinen letzten vier WM-Starts jeweils die Konkurrenz in Grund und Boden gefahren hat. Auch der Deutsche Bert Grabsch macht sich Hoffnungen, seinen Titelgewinn aus dem Jahr 2008 zu wiederholen und seinen WM-Zimmergenossen Tony Martin zu besiegen: „Man sollte mich nicht unterschätzen. Ich bin für eine Überraschung gut.“

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