Sport : Die Uhr läuft ab

Dem ewigen Bundesligisten Hamburger SV dämmert langsam, dass er gegen den Abstieg kämpft

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Alle trampeln auf uns rum. Der Hamburger SV gehört der Bundesliga seit ihrer Gründung vor 48 Jahren an. Das könnte bald vorbei sein, weil junge Spieler wie Michael Mancienne die Erwartungen bisher nicht erfüllen konnten. Foto: dapd
Alle trampeln auf uns rum. Der Hamburger SV gehört der Bundesliga seit ihrer Gründung vor 48 Jahren an. Das könnte bald vorbei...Foto: dapd

Wenn das so weitergeht, bekommt der Hamburger SV in den kommenden Wochen Besuch vom Deutschen Historischen Museum. Dort sammeln sie bekanntlich allerlei Kuriositäten, um künftigen Generationen zu vermitteln, wie es sich mal gelebt hat im Land von Autobahn, Kuckucksuhr und Fußball-Bundesliga. Irgendwo zwischen Napoleons Schnupftuch und Hitlers Globus wird sich ein Plätzchen finden für jene Uhr, die den HSV-Fans anzeigt, wie lange ihr Klub schon ununterbrochen in der Bundesliga spielt. Am Samstag um kurz vor halb sechs dämmerte es dem Hamburger Publikum, dass es nach 48 Jahren, 25 Tagen, 3 Stunden und 28 Minuten bald vorbei sein könnte. Wenn das so weitergeht wie beim 0:1 gegen Borussia Mönchengladbach, dann wird im kommenden Frühling aus dem dienstältesten Bundesligisten ein Ex-Bundesligist. Und die dann überflüssige Uhr könnte aus dem Hamburger Volkspark ins Berliner Museum wandern.

Am Samstag hat der HSV mehr als nur ein Fußballspiel verloren. Diese fünfte Niederlage im sechsten Saisonspiel war schlimm genug. Viel schwerer wiegt der Verlust der Gewissheit, es werde schon irgendwie klappen mit dieser verjüngten Mannschaft, die halt Zeit zur Findung benötige und irgendwann ganz groß durchstarten werde. Dieser HSV wird so schnell nicht durchstarten, jedenfalls nicht nach oben. „Schlimmer geht es nicht“, sagte Mannschaftskapitän Heiko Westermann, aber so richtig überzeugt war er von dieser Prognose nicht. Denn bisher ist es mit jeder Woche ein bisschen schlimmer geworden. In der Tabelle, aber nicht nur dort.

Ein paar Meter weiter neben dem Defensivstrategen Westermann stand sein für die offensiven Bemühungen zuständiger Kollege Mladen Petric. In seinem leisen Schweizer Singsang hielt der Stürmer einen kurzen Vortrag über die aktuelle Hamburger Befindlichkeit, er lässt sich in etwa so zusammenfassen: Hinten haben wir Probleme und vorne auch.

Beides hat in finaler Konsequenz Michael Oenning zu verantworten. Der Hamburger Trainer konterte Fragen zu seiner Position mit der aus seiner Position nahe liegenden Bemerkung: „Wir müssen jetzt keine Personaldiskussion führen.“ Aus der Mannschaft kommen schon andere Töne. „Jeder wird an den Punkten gemessen“, sagte Heiko Westermann. „Bei allem Respekt, aber wir sind nicht der SC Freiburg, sondern der Hamburger SV.“

Gegen Gladbach schaffte es die von Oenning instruierte Mannschaft nicht, auch nur eine einzige richtige Torchance herauszuspielen. Es gab keinen einzigen Spielzug, von dem sich vermuten ließe, er sei vielleicht im Training einstudiert worden. Das kreative Potenzial im Mittelfeld erschöpfte sich in einer Schwalbe des Dauerläufers David Jarolim, den Oenning, aus welchem Grund auch immer, von seinem Stammplatz in der Zentrale auf den rechten Flügel strafversetzt hatte. Eine Spieleröffnung im eigentlichen Sinne war kaum zu erkennen oder wurde schon früh sabotiert von Torhüter Jaroslav Drobny, der mit seinen Abschlägen und Pässen so ziemlich jedes Ziel traf, nur keinen Mitspieler. Den letzten Angriff seiner Mannschaft vereitelte Drobny mit einem Freistoß ins Seitenaus.

Michael Oenning war nach reichlich Absagen im Sommer eine Notlösung, aber er steht unter dem persönlichen Schutz von Frank Arnesen. Schließlich muss der Trainer Oenning mit dem Arbeiten, was ihm der Sportdirektor Arnesen zur Verfügung gestellt hat. Ein paar unfertige Nachwuchsspieler von Arnesens früherem Arbeitgeber FC Chelsea reichen eben nicht, um in der Bundesliga krisensicher mitzuspielen. Dazu kommt die Kopf und Füße lähmende Verunsicherung durch den in dieser Dimension nie erwarteten Fehlstart. Am Samstag verbuchte es Trainer Oenning allen Ernstes als Erfolg, dass „wir den Gegner in der ersten Halbzeit nicht zur Entfaltung kommen ließen“. Das wirkte schon recht lustig vor dem Hintergrund, dass die auswärts traditionell defensiven Gladbacher lange Zeit darauf warteten, ob der HSV denn seinem Publikum mal etwas anbieten würde. Als da nichts kam, nahm die Borussia die Angelegenheit selbst in die Hand und demonstrierte dabei einen Klassenunterschied zum hilflosen HSV.

Marcell Jansen wertete die ihm und seinen Kollegen vorgehaltenen Unzulänglichkeiten als den altbekannten Versuch, „auf dem herumzutrampeln, der am Boden liegt, und das sind jetzt wir“. Der Verteidiger Jansen hat, und das ist noch gar nicht so lange her, einmal eine tragende Rolle in der Nationalmannschaft gespielt. Jetzt ist er nicht einmal mehr gut genug, um dem Bundesligaschlusslicht Halt im Existenzkampf zu geben und formuliert Sätze wie: „Es tut weh, es ist scheiße, aber es muss trotzdem weitergehen.“ Am nächsten Freitag in Stuttgart, die Mannschaft wird mit dem Flugzeug anreisen und Frank Arnesen legt Wert auf die Feststellung, dass in der ersten Reihe ein Platz für Michael Oenning reserviert ist: „Er sitzt neben mir, und er fliegt auch mit uns zurück.“

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