Sport : Die unausgesprochene Entmachtung

Klaus Toppmöller darf vorerst Trainer von Bayer Leverkusen bleiben, wird aber von Manager Calmund öffentlich scharf kritisiert

Erik Eggers

Leverkusen. Allein der Anfang hatte etwas von „High Noon“, von einem spannungsvollen Finale, als Reiner Calmund am Sonntag um 12 Uhr in den Katakomben der Bayarena zur kurzfristig einberufenen Pressekonferenz antrat. Wieder schritt der Manager und wahre Pressesprecher von Bayer Leverkusen durch Reihen von Kameramännern und Fotografen, wie so oft in diesen Tagen, es geht ja um die Zukunft des Trainers. Soeben hatte die Führung des Werkteams über das weitere Schicksal von Klaus Toppmöller entschieden, der sich mit einer Magen-Darm-Grippe am Sonntag abgemeldet hatte, laut Calmund aber am Montag „wieder auf dem Posten sein wird“. Auf dem Posten? Heißt das, Toppmöller wird nicht entlassen, trotz des 1:2 gegen den VfL Bochum?

Genau das heißt es. Doch die Art und Weise, mit der diese Botschaft verkündet wurde, dokumentierte den Schwebezustand, in dem sich der Verein und sein Trainer befinden. Zu klaren Aussagen nach der vierten Niederlage in der Bundesliga in Folge rang sich Calmund nämlich nicht durch. Er wählte wachsweiche Formulierungen. „Im Trend“, sagte er also zunächst ins Mikrofon, „geht es weiter wie bisher“, mit Toppmöller also. Calmund begründete diese Entscheidung damit, dass die Mannschaft sich in Bochum gewehrt habe gegen die Niederlage und dass sie neben dem gezeigten Kampfgeist ihre spielerische Klasse wieder angedeutet habe. Diese Einstellung, sagte Calmund erst auf mehrmaliges Nachfragen, „hat uns veranlasst zu sagen: Es bleibt alles beim Alten“. Toppmöller werde die Mannschaft auch beim Heimspiel gegen Rostock coachen.

Diese Suche nach den geeigneten Worten indes zeigt, wie sehr Toppmöller derzeit unter Druck steht in Leverkusen. Die Klubführung will zwar auch nach der Niederlage in Bochum bei den Fans und auch bei den Spielern positive Stimmungen für den Trainer ausgelotet haben. Doch überdeckt diese Grundsympathie bei weitem nicht die Fehler, die ihm vom Verein gestern in aller Öffentlichkeit vorgeworfen wurden. „Ich hätte nicht kurz vor Schluss versucht, vorn das 2:1 zu machen“, sagte Calmund zum Beispiel. In solch einer Situation müsse man den Punkt sichern und dürfe nicht in einen Konter laufen.

Weiter kündigte Calmund an, in Zukunft sogar bei der Aufstellung mitmischen zu wollen. „Wir werden jeden, der irgendwie angeschlagen ist, in der Champions League schonen“, sagte der Manager, weil es ausschließlich um den Klassenerhalt gehe. „Ein Bernd Schneider zum Beispiel wird jetzt nicht sechs oder sieben englische Wochen spielen.“ Diese Anweisung wird Toppmöller am Montag „von ganz oben“ bekommen, und allein diese Vorgabe schon belegt den fortschreitenden Autoritätsverlust eines Coaches, der vor wenigen Wochen noch zum „Trainer des Jahres“ gewählt wurde.

Dass Toppmöller nach dem Spiel in Bochum von einer „kleinen Krise“ sprach und davon, dass die Mannschaft immerhin noch in Champions League und DFB-Pokal vertreten ist, das wird er heute auch als Kritik hören und spätestens dann wie ein Schüler dastehen, der seine Hausaufgaben nicht erledigt hat. „Da können wir doch nicht von kleiner Krise reden“, sagte Calmund wütend. Die Klubführung wirft dem Trainer also nicht weniger als Realitätsverlust vor. Calmund machte deutlich, dass er die gewagten Vorhersagen Toppmöllers seit Beginn der sportlichen Talfahrt durchaus noch im Gedächtnis hat. „Wir werden die beste Mannschaft der Rückrunde“, hatte Toppmöller zuerst gesagt. Dann: „Wir kommen noch in den Uefa-Cup.“ Diese Prognosen, sagte Calmund trocken, „haben bisher nicht so sehr gestimmt“.

Andererseits hat sich Toppmöller auch große Verdienste um den Klub erworben. Und obwohl die Verantwortlichen wissen, wie sehr die jüngste Bilanz gegen den Trainer spricht, so vergessen sie doch nicht ganz, was der Coach in der vergangenen Saison mit dem Team erreicht hat.

Am Samstag freilich dürfte das Ultimatum auslaufen. Wenn dann Reiner Calmund wieder kurzfristig vor die Presse tritt, dann wohl nur, um zu verkünden, dass der Trainer entlassen ist.

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