Sport : Die Unruhe nach dem Film

Die deutsche Leichathletik ärgert sich über Dieter Baumann und die ARD

Frank Bachner

Berlin - Gestern brütete Uwe Hakus über Zahlen. Vor ihm lagen akkurat aufgelistete Trainingszeiten, die wertete er aus. Er muss sich ja vorbereiten, er ist der Chef-Bundestrainer der deutschen Sprinter, und am Sonntag findet in München ein prestigeträchtiger Länderkampf statt. Deutschland gegen die USA und Frankreich. Eigentlich ein idealer Test für die Leistungsstärke der Deutschen, so kurz vor den Olympischen Spielen. Aber seit Mittwochabend befürchtet Uwe Hakus, dass es in München beim deutschen Team nicht bloß um Zeiten und Platzierungen gehen wird.

Am Mittwochabend wurde der Film über den Doping-Fall Dieter Baumann ausgestrahlt, in der ARD, zur besten Sendezeit. Baumann kam, nun ja, nicht schlecht weg. Ein Opfer vor allem, weniger ein Täter. Die finsteren Gestalten in diesem Film waren andere: der frühere Baumann-Konkurrent Stephane Franke oder der immer noch amtierende Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Bernd Schubert. Er war vor der Wende der letzte Cheftrainer der DDR-Leichtathletik und darf nach einem Gerichtsurteil als „ausgewiesener Fachdoper“ bezeichnet werden. Ost-Trainer oder neidische Gegner haben Baumann dopingverseuchte Zahnpasta untergeschoben, so war der Tenor.

Der Tenor von Hakus ist vor allem Wut. „Warum muss dieser Film jetzt ausgestrahlt werden, direkt vor dem Länderkampf und vor Olympia? Er ist einseitig, er stellt Schubert und Franke extrem negativ dar. Vor allem löst er jetzt Unruhe aus.“ Unruhe, wo? „Vor allem in der Trainerebene des DLV. Bei den Leuten um Schubert. Der Film stört jetzt die Wettkampf-Vorbereitungen.“

Bedingungslose Solidarität mit einem Kollegen ist das nicht. Der frühere DDR-Coach Hakus ist keiner aus der alten Ost-Trainer-Fraktion. Er ist 40, er durfte in der DDR wegen seiner Westverwandtschaft einmal nicht zu einem Länderkampf nach Israel reisen. Der Bundestrainer sieht in dem Film nur einfach die Rollen unzulässig vertauscht. Baumann sei kein Opfer gewesen, „er war gedopt, das ist Fakt“, sagt Hakus.

Auch Mike Fenner ist sauer. Er hatte eher zufällig in den Film gezappt, den Rest verfolgte der Hürdensprinter dann mit wachsendem Ärger. „Der Film war gnadenlos gegen Schubert. Baumann kam viel zu gut weg. Da wurden aber auch Ost-Trainer pauschal angegriffen. Kann ja sein, dass es ein Anschlag war. Es weiß keiner. Aber auf jeden Fall darf man den Fall nicht so einseitig darstellen.“ Fenner startet am Sonntag in München. Befürchtet er Unruhe? „Na ja, direkte Unruhe glaube ich nicht. Aber der Film wird schon Gesprächsstoff sein.“

Auch Helmut Digel empfindet die Darstellung Schuberts als unfair. „In der zehnjährigen Zusammenarbeit mit ihm habe ich beste Erfahrungen gemacht. Er ist für mich eine der glaubwürdigsten Persönlichkeiten der deutschen Leichtathletik“, sagt der frühere DLV-Präsident, aus dessen Perspektive die Handlung des Films erzählt wurde. Digel wehrt sich dagegen, dass er – wie im Film dargestellt – Baumann bevorzugt behandelt habe: „Ich habe ihm weder offeriert, den Fall zu vertuschen, noch habe ich die Untersuchung in seinem Haus veranlasst.“

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