Sport : Die Verdrängungsweltmeister

Amerikanische Fernsehsender berichten lieber über Goldmedaillen – und klammern das Thema Doping aus

Stefan Liwocha

Los Angeles. Neun Tage voller Medaillen und Skandale. Da lag es auf der Hand, dass der amerikanische TV-Reporter seine Kollegin um ein WM-Fazit bat. „Nun“, sagte die Journalistin, „der Stern von Kelli White ist in Paris aufgegangen.“ Sie meinte es ernst. Schöne heile Leichtathletik-Welt. Das amerikanische TV-Network „ABC“ (gehört zum Disney-Konzern) sendete am Sonntag eine dreieinhalbstündige Zusammenfassung der neunten Titelkämpfe aus Paris.

Mit Triumphmusik als Untermalung wurden die besten Leistungen der US-Athleten aneinander gereiht. Kommentar und anschließende Sieger-Interviews stammten vom jeweiligen Wettkampftag. Die Wahrheit blieb dabei auf der Strecke. Kelli White jubelte in den amerikanischen Wohnstuben noch einmal über ihren 100-Meter-Sieg, der am Sonntag bereits eine Woche zurücklag. Die Kalifornierin philosophierte über ihre „harte Arbeit“. Als TV-Konserve. Die Kontroverse um den positiven Dopingbefund der Weltmeisterin verschwieg die ABC-Riege an dieser Stelle.

Vor der Zusammenfassung des Endlaufs über 4 x 100 m der Frauen gab es schließlich eine Erklärung zum Fall der Kelli White. So habe die Doppelweltmeisterin „ihre Unschuld beteuert“ und selbstlos auf einen Start mit der Staffel verzichtet, um die Medaillen ihrer Teamkameradinnen „nicht zu gefährden“. Und überhaupt: Die US-Reporterin meldete sich erneut im Stile einer Anwältin zu Wort und trommelte, einen Doktor in Houston angerufen zu haben: „Er hat mir gesagt, dass in dem neuen Medikament keine Stimulanzien enthalten sind.“ Damit konterkarierte sie vor einem Millionenpublikum den Befund des Dopingtests, in dem der Wirkstoff Modafinil entdeckt worden war.

Programmwechsel: NBC beginnt die Abendnachrichten mit dem Terror im Irak. Nach zwei weiteren Berichten geht es schließlich um das Schicksal der Kelli White. Leichtathletik in der renommierten News- Sendung – das ist höchst selten. In 90 Sekunden ist der sportliche Sündenfall abgehandelt. White würde die Anschuldigungen bestreiten, heißt es, und überhaupt hat der Bericht einen unschuldigen Unterton. Business as usual. Selbst der offizielle Olympiasender der Amerikaner ist nicht weiter um Aufklärung bemüht. Dabei steht man ein Jahr vor den Olympischen Sommerspielen in Athen vor einem Scherbenhaufen. Das US-Leichtathletik-Ensemble gewann zwar die Medaillenwertung, führte aber auch die „Chronique Scandaleuse“ in Paris an.

Erst der Skandal um Sprinter Jon Drummond, der auf der Tartanbahn einfach in den Liege-Streik trat („L’Affaire Drummond“). Dann siegte Jerome Young über die 400 Meter. Aber nur, um von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Der Weltmeister wurde von der „Los Angeles Times“ als jener mysteriöse US-Athlet entlarvt, der bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney trotz eines vorherigen Anabolika-Vergehens gestartet war und Gold mit der 4 x 400-m-Staffel geholt hatte. „Er kann laufen, aber sich nicht verstecken“, lautete eine „Times“-Schlagzeile, worauf der Doping-Sünder antwortete: „Es ist passiert, aber ich möchte nicht darüber sprechen.“ Der Verdrängungsweltmeister schaffte immerhin den Sprung auf die Titelseiten vieler US-Gazetten, obwohl sich der US-Leichtathletikverband (USATF) die dringend benötigte Werbung in eigener Sache etwas anders vorgestellt hatte.

Die Amerikaner lieben die Olympischen Spiele, interessieren sich aber nur am Rande für Weltmeisterschaften wie in der Leichtathletik. Zumal die auch noch ohne Zugpferd Marion Jones und in einer ungünstigen Zeitzone ausgetragen wurden, weshalb das US-Fernsehen dem Weltspektakel kaum Beachtung schenkte. Die ersten WM-Bilder waren erst am vierten Wettkampftag zu sehen. Baseball, College Football und die US Open im Tennis bestimmten die Fernsehlandschaft. Und nur aus einem traurigen Grund schaffte Kelli White den Sprung in die Abendnachrichten. Der bereits als neue Sprintkönigin gefeierten Freundin des deutschen Speerwerfers Boris Henry drohen nun der Verlust zumindest einer Goldmedaille (über 100 m), über 200 m war ihre Dopingprobe negativ, und eine zweijährige Sperre.

Amerikanische Printmedien sind aber durchaus investigativ beim Thema Doping. Im April hatte die kalifornische Tageszeitung „Orange County Register“ mit einem Enthüllungsbericht für Aufsehen gesorgt, indem sie die Machenschaften des Nationalen Olympischen Komitees der USA sowie verschiedener Sportverbände angeprangert hatte. Demnach sollen zwischen 1988 und 2000 mehr als hundert positiv getestete US-Sportler – darunter auch Carl Lewis – trotz Dopingvergehen nicht bestraft worden sein. Ex-Leichtathletik-Superstar Michael Johnson schrieb in der französischen Zeitung „L’Équipe“, „dies bringt unserem Sport Schaden“, und findet, „große dunkle Wolke hängen“ über der Leichtathletik. Das reinigende Gewitter muss es allerdings in den USA geben.

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