Sport : Die Vergangenheit kommt durch

Favorit Christopher Froome setzt sich bei der Tour an die Spitze – und erinnert an Lance Armstrong.

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Die letzten Meter zum Gelben Trikot. Christopher Froome gewinnt die achte Etappe und setzt sich an die Spitze des Gesamtklassements. Foto: dpa
Die letzten Meter zum Gelben Trikot. Christopher Froome gewinnt die achte Etappe und setzt sich an die Spitze des...Foto: dpa

Ax 3 Domaines - Christopher Froome machte die Pyrenäen noch ein wenig sprachloser. Der Brite setzte sich gleich bei der ersten Bergetappe der Tour de France so souverän an die Spitze des Gesamtklassements wie nur wenige seiner Vorgänger. 4,5 Kilometer vor dem Ziel in der 1350 Meter hoch gelegenen Skistation Ax-3-Domaines hatte er zu einem Alleingang angesetzt und war der Konkurrenz weit enteilt.

„Er ist der neue Bradley Wiggins, nein, er ist stärker noch als Wiggins im vergangenen Jahr“, verglich der Spanier José Luis Jaimerena Froome mit dem Vorjahressieger. Der sportlicher Leiter von Team Movistar hatte die Leistung gut beobachten können, war doch sein Fahrer Nairo Quintana der Einzige, der ihm wenigstens etwas Paroli bieten konnte. Der Kolumbianer war am ersten Gipfel der gestrigen Pyrenäenetappe leichtfüßg davon gezogen. Hatte den französischen Altmeister Thomas Voeckler, der sich in den letzten drei Jahren mit eindrucksvollen Leistungen in den Pyrenäen in die Zweifelliga gefahren hat, wie einen Pensionär auf dem Klapprad stehen lassen. Dann war er allein auf den 2001 Meter hohen Col de Pailheres gestürmt, hatte in der Abfahrt etwas an Vorsprung verloren und war erst am finalen Aufstieg nach Ax 3 Domaines vom Team Sky geschluckt worden.

Als dann der Antritt von Froome kam, war Quintana wieder der Einzige, der wenigstens kurz folgen konnte. Quintana mochte dabei der vermutlich hohe Anteil roter Blutkörperchen geholfen haben, den er sich durch – vom Reglement gestattetes – zweimonatiges Training auf 3000 Meter Höhe in den heimischen Anden geholt hatte. Aber selbst dies reichte nicht aus, den wie entfesselt losstürmenden Froome wieder einzufangen.

Der Sohn eines britischen Safari-Organisators und einer Kenianerin, der in Afrika aufwuchs, freute sich natürlich riesig über seinen Sieg und das Gelbe Trikot. „Das ist ein Traum, der Realität wird. Bei der ersten Etappe, die für das Klassement wichtig ist, haben wir gleich für den Unterschied gesorgt. Das ist phänomenal“, sagte Froome. „ Und Richie Porte ist auch noch Zweiter!" Tatsächlich setzte sich der Australier, der für Froome lange Zeit die Aufräumarbeit bewältigt und unter anderem Quintana eingefangenen hatte, auch noch von der geschlagenen Konkurrenz ab. Froomes vermeintlicher Hauptrivale Alberto Contador war um 1:45 Minuten distanziert, der 2011er Toursieger Cadel Evans gar um 4:13 Minuten. Diese Abstände erinnerten nicht mehr an Wiggins, der in den Bergen eher nur um Schadensbegrenzung bemüht war, sondern an Lance Armstrong in seinen besten Jahren. Da hatte er die erste Bergetappe auch gern in eine Demonstration der Dominanz verwandelt und einige Teamkollegen an die Spitze des Klassements mitgenommen.

Als Froome aus seiner Euphorie erwachte und die betretenen Mienen im Ziel mitbekam, versuchte er schnell auf Distanz zur Vergangenheit zu gehen.

Er sagte: „Ich bin mir sicher, dass meine Resultate auch in zehn Jahren nicht aus den Bestenlisten getilgt werden.“ Der 28-Jährige merkte zudem an, dass heute, da der Radsport sauberer geworden sei, den Siegern mehr Fragen nach Doping gestellt werden, als vor zehn Jahren.

Ansonsten bleiben die Zweifel. Weil Froome seine Leistungsdaten nicht veröffentlichen will, flog er von der Homepage der Transparenzorganisation Bikepure herunter. Für ihn lässt sich ins Feld führen, dass seine Leistungen kontinuierlich steigen, allerdings in erstaunlichen Entwicklungsschritten. Er ist ein Angreifertyp, nicht zaudert, sondern das Risiko sucht. Das allerdings sucht er auf einem derart hohen Leistungsniveau, dass wohl nur ihm selbst dabei nicht schwindlig wird.

Immerhin beantwortet er – anders als die meisten Vorgänger auf dem Tourthron – auch geduldig Dopingfragen. Ihm ist der Zweifel bewusst, den seine Leistungen erwecken. Tom Mustroph

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