Sport : Die Vergesslichkeit des Berliner Publikums (Kommentar)

Karsten Doneck

Diese Glücksgefühle, ausgelöst durch zwei, durch einen Doppelpunkt getrennte Ziffern auf der Anzeigetafel ... "2:1" stand da spätabends am Dienstag, den 21. September 1999. Mit diesem Ergebnis hatte Hertha BSC just Chelsea London zurück auf die Insel geschickt. Und Berlins Fußballpublikum lag dem Sieger zu Füßen.

Einen Monat später, am 20. Oktober: Wieder ein Hertha-Festtag, wieder Jubel. 1:0 gegen den AC Milan, Torschütze Dariusz Wosz. Hertha schien Wer zu sein in Europa.

Aber dann war da der vorige Mittwoch. Erneut ein Champions-League-Tag, aber nur 1:1 daheim im Olympiastadion gegen Sparta Prag. Schon zur Halbzeit wurden Pfiffe von den Rängen laut, die nur deshalb so milde klangen, weil unmittelbar vor der Pause Sixten Veit noch das halbwegs versöhnlich stimmende 1:0 geschafft hatte. Der geballte Unmut des Publikums dröhnte den Herthanern erst nach 90 Minuten in den Ohren: Der Stadionbesucher pfiff aus Leibeskräften.

Es ist paradox: Da haben die Herthaner ihren Anhang in der Vorrunde der Champions League verwöhnt und zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Jetzt, in der Zwischenrunde, kann die Mannschaft das Niveau nicht mehr halten, was sicher auch mit der zunehmenden Belastung im permanenten Pendelverkehr zwischen europäischen und nationalen Fußballpflichten zusammenhängt. Und was geschieht? Heißblütige, lautstarke Unterstützung von den Rängen, um den Spielern über die Schwächephase hinweg zu helfen? Nein. Statt dessen: Pfiffe, nichts als Pfiffe.

Das Fußball-Publikum - es ist gnadenlos. Und es vergisst schnell. In Berlin wohl ganz besonders schnell.

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