Sport : Die verhängnisvolle Sekunde

Tennisprofi Nicolas Kiefer fällt nach seiner Verletzung wohl im Daviscup aus

Matthias B. Krause[New York]

Er sitzt im Konferenzraum eins des Arthur-Ashe-Stadions, den blauen Plastikstuhl hat er ganz an die Wand hinter sich gerückt – weit weg vom Mikrofon. Für die Beobachter wirkt die Wasserflasche auf dem Podium jetzt größer als Nicolas Kiefers Kopf. Am liebsten wäre er wohl ganz verschwunden, in irgendeinem Loch in der Wand oder einer Klappe unter dem Tisch, allein mit seiner Enttäuschung. Doch es gab kein Entrinnen. Kiefer hielt sich das lädierte rechte Handgelenk und stierte ins Nirgendwo. „Eine Sekunde kann so viel kaputt machen“, sagte er und ließ den Satz nachklingen.

So viel, das heißt in diesem Fall wahrscheinlich die Saison, das heißt wohl auch den Einsatz im Daviscup und einen weiteren Aufstieg in der Weltrangliste. Die verhängnisvolle Sekunde kam nach 200 Minuten eines dramatischen Duells mit dem Engländer Tim Henman im Achtelfinale der US Open in Flushing Meadows. Nach Sätzen stand es 2:2, im entscheidenden fünften Satz lag Kiefer mit 0:3 zurück, erster Aufschlag im vierten Spiel: Beide stürmten ans Netz, Henman streckte sich nach einem Passierball des Deutschen und brachte ihn mit Mühe, aber voller Wucht zurück. Kiefer konnte nur noch irgendwie den Schläger hochreißen, den Ball treffen – und dann machte es knacks.

„Ich wusste gleich, dass es etwas Schlimmes ist“, wird Kiefer sagen. Der 27-Jährige versucht noch einen Aufschlag, der trudelte mit nicht einmal 70 Meilen pro Stunde übers Netz. Er konnte „den Schläger kaum halten“. Lange konferierte er mit dem herbeigerufenen Physiotherapeuten Per Bastholt, unbedingt wollte er weiterspielen. Doch Bastholt riet ihm dringend davon ab. Seine erste Diagnose lautete: entweder Sehnenverletzung oder Ermüdungsbruch im rechten Handgelenk: So oder so hätte ein Weiterspielen alles noch viel schlimmer machen können. Weil die schmerzende Stelle bereits geschwollen war, ergab sich Kiefer in sein Schicksal – nicht ohne wütend und enttäuscht beim Abgang sein Handtuch und seinen Schläger unter den Pfiffen der Zuschauer durch die Gegend zu pfeffern. Thomas Haas, der gestern im Achtelfinale gegen den Tschechen Tomas Berdych spielte (bei Redaktionsschluss nicht beendet), war somit der letzte deutsche Spieler bei den US Open.

Henman nahm den dramatischen Ausgang der Partie als Geschenk zu seinem 30. Geburtstag: „Ich dachte eigentlich, ihn plagen Krämpfe. Ich war überrascht, als er plötzlich sagte, es sei Schluss.“ Die Untersuchung in einem New Yorker Krankenhaus erbrachte angeblich die Diagnose Sehnenanriss. Kiefer dementierte später: „Das hat man mir bei der Kernspintomografie nicht mitgeteilt.“

Bastholt hatte im Falle eines Sehnenanrisses eine Pause von vier bis sechs Wochen vorhergesagt: „Aber man kann das schwer sagen, beim einen heilt es schneller, beim anderen langsamer.“ Kiefer flog sofort nach Deutschland zurück, um sich behandeln zu lassen.

Im Nachhinein wirkt das Duell gegen Henman wie eine Zusammenfassung von Kiefers Saison. Das Drama und die Tränen nach dem verlorenen olympischen Doppelfinale, die guten Auftritte in Los Angeles, Memphis, Indianapolis und Scottsdale, wo Kiefer jeweils bis ins Endspiel kam. Der Aufstieg von Platz 55 auf 16 in der Weltrangliste. „Ich habe an den Topten geschnuppert. Und meine Emotionen sind wieder voll dabei, das habe ich mir zurückgewonnen“, sagte Kiefer. Jetzt will er so schnell wie möglich wieder auf den Platz zurückkehren und dieses neue Spielgefühl auskosten.

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