Sport : Die verkaufte Seele

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Von Karin Sturm

Spielberg. Im vergangenen Jahr weinte Rubens Barrichello am A1-Ring in Spielberg hemmungslos, als er auf Anordnung von Ferrari kurz vor dem Ziel seinen zweiten Platz Michael Schumacher überlassen musste. Eindeutiger hätten die Ferrari-Chefs dem Brasilianer nicht klar machen können, wie man seine Position im Team einschätzt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet wieder auf dem A1-Ring Ferrari überraschend früh bekannt gab, den Vertrag mit Rubens Barrichello um zwei weitere Jahre bis Ende 2004 verlängert zu haben.

Es wird vermutet, dass Michael Schumacher zuvor noch einmal bestätigt hat, dass er seinen Vertrag bis 2004 ebenfalls auf jeden Fall erfüllen werde. Ferrari habe daraufhin die gegenwärtige Erfolgsmannschaft, die die Formel 1 dominiert wie selten ein Team zuvor, fest zementieren wollen. Auch wenn Barrichello mit dem neuen Ferrari zeitweise deutlich näher als früher an Schumacher herankommt. Oder ihn sogar mal deutlich schlägt wie im gestrigen Qualifikationstraining, als Michael Schumacher hinter Barrichello und Bruder Ralf sogar nur Dritter wurde. Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass der viermalige Formel-1-Champion kaum einen angenehmeren Partner als Barrichello bekommen könnte.

„Das war die optimale Entscheidung, es stabilisiert das Team. Ein neuer Fahrer hätte nur Unruhe gebracht“, meinte Schumacher. Schließlich hätten die beiden Piloten das Team zusammen dorthin gebracht, wo es jetzt ist, und gemeinsam eine neue Ferrari-Ära begründet. Schumacher: „Da ist es doch auch nur logisch, gemeinsam weiterzumachen. Wir arbeiten wirklich optimal zusammen, ich kann mich auch auf seine Testarbeit hundertprozentig verlassen. Und wenn wir uns ein bisschen jagen, das macht doch Spaß.“ Fürchten muss er den Brasilianer aber nicht. Selbst wenn Barrichellos Formkurve wie im Moment weiter aufwärts zeigt. Schon deshalb, weil die interne Struktur bei Ferrari ihn als die Nummer zwei ausweist. Auch wenn Barrichello wohl ganz heimlich immer noch vom Wunder, dem Weltmeistertitel, träumt.

Seine Leistungssteigerung erkennt sogar Ralf Schumacher an, der bekanntermaßen kein Freund des Brasilianers ist: „Das, was er mit dem neuen Auto bei Ferrari macht, muss man anerkennen. Damit kommt er sehr gut klar. Wenn schon mein Bruder, wie zuletzt zweimal in Imola und Barcelona, seine Abstimmung übernommen hat, dann sagt das einiges. Ich weiß nicht, was da los ist, entweder ist Rubens so viel besser geworden oder Michael so viel schlechter.“ Für Ralf Schumacher ist der Konkurrenzkampf im eigenen Team mit Juan Pablo Montoya weitaus komplizierter als der seines Bruders mit Barrichello. Denn Barrichello wird die Realitäten bei Ferrari nicht ändern können. Das echte, große Duell, nicht nur bei einem Grand Prix, sondern in der gesamten Saison, wird es zum Leidwesen der Formel 1 nicht geben.

Und so holte Barrichello die Erinnerung an die bitteren Minuten in Spielberg 2001 gerade in der Situation wieder ein, als die Poleposition für ihn sicher war. So sehr er die Gedanken auch abschütteln wollte. Wie er sich denn fühlen würde, sollte am Sonntag Ähnliches wieder von ihm verlangt werden, vielleicht sogar die Preisgabe eines Sieges, wurde er gefragt. „Damit beschäftige ich mich nicht. Ich denke nicht an die Zukunft, damit verschwendet man nur völlig unnötig Energie“, blaffte er wütend zurück. Es tut ihm weh, immer wieder darauf gestoßen zu werden, seine Seele verkauft zu haben.

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