Sport : Die verlorene Jugend

Beim CHI in Berlin wird das Nachwuchsproblem der deutscher Dressurreiter deutlich

Ingo Wolff

Berlin. Auf dem Parcours der Abreitehalle gab es ein Durcheinander. Reiter in bunten Kostümen probten ein letztes Mal ihre Dressurfiguren. Sie bereiteten sich für ihren Auftritt im Rahmenprogramm des Internationalen Reitturniers in der Messehalle vor: das CHI-Cup-Finale, eine Mannschaftsdressurprüfung für Jugendliche aus Berliner Vereinen. Zwischen den kostümierten Reitern ließen einige Springreiter ihre Pferde schon mal für das Finale im Championat über ein Hindernis springen. Und mittendrin in diesem Wirrwarr standen sechs Dressurreiter fast selbst wie Fabelwesen – mit ihren Fracks und Zylindern warten sie auf die Siegerehrung des Internationalen Dressur- Grand-Prix.

Den hatte die 28-jährige Engländerin Emma Hindle vor den fast vollständig anwesenden deutschen Spitzenreitern gewonnen. Die junge Reiterin hat die erfahreneren Damen ein wenig alt aussehen lassen. Auch wenn Isabell Werth und Heike Kemmer nicht mit ihren besten Pferden angetreten sind, mit denen sie erst morgen beim Dressur-Weltcup starten werden. Das CHI Berlin ist die Auftaktstation für die Weltcup-Tour und der gestrige Wettbewerb war zum Warmwerden.

Die viermalige Olympiasiegerin Werth war mit ihrem zehnjährigen Wallach Apache in das Dressurviereck gegangen. „Natürlich bin ich keine junge Reiterin mehr, aber neben Klaus Husenbeth fühle ich mich noch sehr jung“, sagt die 34-Jährige. Der Dressurreiter ist mit 47 Jahren der Älteste der Equipe, die bei der zurückliegenden Europameisterschaft mit der Mannschaft Gold geholt hatte. Ulla Salzgeber kommt mit ihren 45 Jahren schon kurz dahinter, und selbst Heike Kemmer ist schon 41. Die deutsche Dressur hat ein Nachwuchsproblem. Die deutschen Junioren sind zwar bei ihren großen Wettbewerben fast ebenso erfolgreich wie die Senioren, „aber fast kein Reiter schafft den Sprung in den A-Kader“, sagt Werth. Sie hat vor zwei Wochen lautstark den Verband wegen seiner Nachwuchsarbeit kritisiert und erzeugte damit ein lautes Echo in den Reihen der Reiter. „Es geht darum, dass junge Reiter besser begleitet werden“, sagt Werth. „Prinzipiell müssen junge Reiter aber häufiger mit guten Pferden versorgt werden.“ Ihr Vorschlag: ein runder Tisch mit Sponsoren, Pferdebesitzern, Reitern und Trainern. „Es geht nicht darum eine Altersgrenze auszusprechen“, sagt Werth. Ihr geht es darum, den Nachwuchs besser zu fördern, damit diese Talente konkurrenzfähig werden. Sonst werden britische Siege, wie der von Emma Hindle, häufiger.

„Die Briten hatten lange keinen Erfolg“, sagt Werth. „Und jetzt haben sie eine junge gute Mannschaft.“ Die britische Siegerin nennt einen Grund für ihren frühen Aufstieg in die Weltspitze. „Wir brauchen uns noch alle gegenseitig“, sagt Emma Hindle. „Wir haben nicht 30 Leute, die uns ersetzen können.“ In Großbritannien wird derzeit jeder ihrer Erfolge bejubelt. Anders verhält sich in Deutschland der Umgang mit dem Erfolg. Da ist eine Team-Goldmedaille bei internationalen Meisterschaften seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit – die aber nach Lage der Dinge mal ausbleiben könnte. „Wenn wir so weitermachen, werden uns andere Länder bald überholen“, sagt Werth.

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