Sport : Die verschenkte Saison

Hertha hat in diesem Jahr viele Chancen nicht genutzt – jetzt sind die Berliner auf fremde Hilfe angewiesen

André Görke

Neunzig Minuten sind es noch – dann ist die Bundesligasaison vorbei. Am Sonnabend ist Hertha BSC auf einen UI-Cup-Platz abgerutscht. Die 0:2-Niederlage beim VfL Wolfsburg passt gut in das Bild einer Saison, in der der Klub sich nicht weiterentwickelt hat.

Der Uefa-Cup: Manager Hoeneß hat vor der Saison gesagt, dass „es unser Ziel ist, im Uefa-Cup zu überwintern“. Dieses Ziel hat Hertha erreicht – doch in der ersten Runde nach dem Winter scheiterte der Verein an Boavista Porto. Herthas Kapitän Michael Preetz sagte: „Wir haben eine historische Chance verpasst.“ Porto war schwächer als Hertha.

Der DFB-Pokal: Für Hertha ein wunder Punkt. Der DFB-Pokal ist der schnellste Weg in den Europapokal. Die Mannschaft wählte den schnellsten Weg, um sich zu verabschieden. Hertha scheiterte in der ersten Runde an Kiel, dem damals Tabellenletzten der drittklassigen Regionalliga.

Die Bundesliga: Auf und ab geht’s in dieser Saison. Nach der Hinrunde war Hertha Neunter, in der Rückrunde lief es besser, und die Mannschaft arbeitete sich bis auf zwei Punkte hinter dem Tabellenzweiten heran. Doch von den letzten drei Spielen hat Hertha keines gewonnen und dabei zwölf Gegentore kassiert. Jetzt muss die Mannschaft gegen Kaiserslautern gewinnen und ist auf fremde Hilfe angewiesen. Hoeneß sagt: „Gewinnen wir am Samstag, haben wir in der Rückrunde 31 Punkte geholt. Wäre uns das in der Hinrunde gelungen, wären wir in der Champions League.“

Die Stimmung: Niemand sagt es öffentlich, aber bei Hertha geht die Angst um. Der Trainer versucht, mit Späßchen und Frühstück die Stimmung zu verbessern, doch die Köpfe sind nicht frei.

Die Fans: Am Samstag ist die Stimmung gekippt. „Stevens raus!“, haben die Hertha-Fans gebrüllt. Und: „Hoeneß raus!“ Sie haben die Mannschaft mit Feuerzeugen beworfen, den Bus belagert und mit den Wolfsburgern gefeiert. „Wir sind Herthaner – und ihr nicht“, riefen sie, als die Spieler aus der Kabine kamen. Heute Abend findet im Kongresszentrum ICC Herthas Mitgliederversammlung statt. Für Hoeneß könnte es ein Abend mit unangenehmen Fragen werden.

Der Trainer: Vor knapp einem Jahr hat Huub Stevens die Mannschaft übernommen, um mit ihr mehr zu erreichen als unter Jürgen Röber. Stevens reagiert oft sehr gereizt: Nach der Niederlage in Wolfsburg griff er ein Kamerateam der ARD verbal an. Intern heißt es: „Manchmal ist Huub Stevens nicht professionell genug, sondern zu emotional.“ Auch die Spieler klagen: Stevens rede zu wenig und sei oft abweisend. Einige Spieler sagen, ein System sei nicht erkennbar. Und die Fans schimpfen.

Der Manager: Hoeneß hat in den vergangenen Wochen gesagt: „Unser Saisonziel ist ein internationaler Platz.“ Im Juli 2002 sagte Hoeneß: „Wir sind ehrgeizig genug, die Top drei anzugreifen.“ Nach der Niederlage in Wolfsburg blieb Hoeneß merkwürdig ruhig. „Wir waren 70 Minuten die bessere Mannschaft.“ Da stand es aber schon 0:2.

Die Finanzen: Herthas Umsatz liegt bei 60 Millionen Euro – Geld für neue Spieler hat der Klub nur wenig. „Wir wollen drei holen, können uns aber nur zwei leisten“, hat Hoeneß vor einer Woche gesagt. Im Raum steht eine Summe von 1,3 Millionen Euro. Viel ist das nicht – und deshalb hat Hertha mit der Teilnahme an der Champions League geliebäugelt. Im Uefa-Cup gibt es nicht viel zu verdienen. Und im UI-Cup würde Hertha erst einmal draufzahlen. Der Klub trennt sich von Alex Alves, der 2,2 Millionen Euro verdiente. Der Haken: Hertha soll 700 000 Euro als eine Art Abfindung zahlen. Die Personalie Alves dürfte den Verein insgesamt 17 Millionen Euro gekostet haben (Grundgehalt plus Ablösesumme).

Die Perspektive: Das hängt davon ab, ob Hertha den Sprung auf einen Uefa-Cup-Platz schafft. Vor allem wirtschaftlich ist die Frage von großer Bedeutung: Die Verbindlichkeiten liegen etwa bei 17 Millionen Euro, und wie viel Geld das Fernsehen zahlt, ist noch nicht sicher. Das wird auch den Aufsichtsrat beschäftigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben