Sport : Die Verwandlung

Als die Moderne in den deutschen Fußball einzog: Der Sieg in letzter Sekunde über Polen bei der WM 2006

Stefan Hermanns

Am 5. April jährt sich zum hundertsten Mal das erste Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an die besten Spiele der DFB-Elf. Heute, Platz 10: Die Vorrundenbegegnung bei der Weltmeisterschaft 2006 gegen Polen.

Im Nachhinein haben es natürlich alle gewusst: Jürgen Klinsmann war immer schon ein exzellenter Trainer, ein erfolgreicher Modernisierer, gewiefter Taktiker und überragender Motivator. Niemand wollte je an ihm und seinen Ideen gezweifelt haben. Heute weiß man, dass die Person Klinsmann innerhalb von fünf Wochen im Sommer 2006 im Grunde genommen neu erschaffen worden ist, doch ohne das WM-Vorrundenspiel gegen Polen hätte diese Verwandlung nie stattgefunden. Längst gilt es als historisch verbürgt, dass die Begegnung mit dem späten Tor von Oliver Neuville der Urknall für das Sommermärchen 06 war; doch auch im übergeordneten Projekt Klinsmanns, der den deutschen Fußball mit aller Macht in die Moderne führen wollte, nimmt dieses Spiel eine Schlüsselposition ein. Ohne den Sieg gegen Polen ist der weitere Weg der Nationalmannschaft seit der WM gar nicht zu verstehen.

Erst nach diesem Spiel entwickelten die Deutschen so etwas wie Grundvertrauen in Klinsmanns Handeln. Der Sieg gegen Polen, vor allem aber sein Zustandekommen, wirkten wie eine nachträgliche Legitimation für den Kurs des Bundestrainers, der das Land zeitweise überfordert hatte. Dass Oliver Neuville das Tor erzielte und David Odonkor den Treffer vorbereitet hatte, war nur der äußere Ausdruck dafür, dass Klinsmann alles richtig gemacht hatte. Niemand hatte so recht verstanden, warum er ausgerechnet diese beiden Spieler in seinen WM-Kader aufgenommen hatte. Am 14. Juni 2006, um kurz vor elf Uhr abends, wurden alle Zweifel hinfällig.

Gegen Polen spielten die Deutschen zum ersten Mal so, wie Klinsmann sich das immer vorgestellt hatte: im Zweifel offensiv, ohne die eigene Defensive zu gefährden. Die bisherige deutsche Wackelabwehr erlaubte den Polen im gesamten Spiel keine einzige Chance, mit der Vorwärtsverteidigung der Deutschen kamen sie nie zurecht. Und weil die Polen sehr schnell erkannten, dass sie ihren Gegner an diesem Abend nicht würden besiegen können, beschränkten sie sich sehr bald darauf, wenigstens das 0:0 zu verteidigen. Dabei hätten sie eigentlich gewinnen müssen, um ihre Chance auf den Einzug ins Achtelfinale zu wahren. Aber manchmal besitzen Fußballer ein sehr gutes Gespür dafür, was möglich ist und was nicht.

An diesem Abend war für die Polen nichts möglich. „Ich bin begeistert“, sagte Günter Netzer nach dem Spiel, in dem die Deutschen bis zum furiosen Finale nicht weniger als zehn Tormöglichkeiten ausgelassen hatten. „Da war alles drin. Da hat alles gestimmt.“ Auch die Dramaturgie. Kurz vor Schluss traf erst Miroslav Klose die Latte, dann im Nachschuss auch Michael Ballack. Es war, wie sich kurz darauf herausstellte, nur die Hinführung zu einem noch bewegenderen Ende.

Mit seinem Siegtor schoss Neuville die deutsche Mannschaft schon vor dem letzten Gruppenspiel ins Achtelfinale. Viel wichtiger aber war: Das Spiel gegen Polen hatte gezeigt, dass die Moderne auch in Deutschland möglich ist.

14. Juni 2006, WM-Vorrundenspiel in Dortmund, Deutschland – Polen 1:0 (0:0). Zuschauer: 65 000. Tor: 1:0 Neuville (90+1).

Die Serie und ein Diskussionsforum im Internet:

www.tagesspiegel.de/sport

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben