Sport : Die Verweigerer

Eisschnelllauf-Verband will die Männer an einem Ort trainieren lassen – aber die wollen nicht

Ernst Podeswa

Erfurt. Da gewinnen die deutschen Eisschnellläuferinnen einen Titel nach dem anderen – und trotzdem ist der Verband unzufrieden. „Wenn wir bei den Winterspielen in Turin 2006 so erfolgreich sein wollen wie in Salt Lake City, müssen auch die Männer ihren Anteil bringen“, sagt Günter Schumacher. Der Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) feierte vor anderthalb Jahren bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City dreimal Gold für Claudia Pechstein und Anni Friesinger. Weitere Medaillen sammelten Sabine Völker und Monique Garbrecht-Enfeldt, bei den Herren holte immerhin Jens Boden Bronze. Jetzt sagt Schumacher: „Wir wollen sogar noch ein bisschen mehr.“

Das wird schwierig. Das Problem ist zwar längst bekannt, doch statt aufzuholen, haben die Herren den Anschluss ganz verloren. Im März bei der Einzelstrecken-WM in Berlin war der 36-jährige Frank Dittrich als Neunter über 10 000 m Bester – während die Damen durch Friesinger, Pechstein und Garbrecht-Enfeldt alle fünf Titel abräumten. „So kann es nicht weitergehen“, erklärt Chef-Bundestrainer Helmut Kraus, „wenn es in diesem Winter keine Fortschritte gibt, müssen Strukturänderungen her.“ Ihm schwebt eine Konzentration der Kräfte vor. Die stärksten Männer sollen sich im Training gegenseitig antreiben. Doch das würde für viele einen Ortswechsel bedeuten.

Die Betroffenen sträuben sich. An ihren Heimatorten sind sie Trainingspartner für die weiblichen Stars. „Ich habe hier sehr gute Partner, die mich nach vorn bringen“, sagt Jan Friesinger. In Inzell trainiert er nicht nur mit seiner Schwester Anni Friesinger, sondern auch mit dem Russen Sergej Khokanetz, dem eingebürgerten Italiener Dino Gillarduzzi und Denny Leger. „Ich bin überzeugt, dass ich das in diesem Winter auch beweisen kann“, sagt Jan Friesinger.

Der Saisonauftakt schien dem 22-Jährigen Recht zu geben: Mit einer Zeit von 1:49 Minuten lief er bei der deutschen Titelkämpfen über 1500 m einen Meisterschaftsrekord. Doch schon eine Woche später folgte die Ernüchterung: Beim Weltcup in Hamar lag er lediglich auf Rang 17. Nicht viel besser sah es für Dittrich aus, der über 5000 m als Vierzehnter einlief. Ähnlich erging es dem Mehrkampfmeister Stefan Heythausen (22), der über 5000 m nur Siebter der B-Gruppe wurde. Dieser muss zwar in Grefrath im Training nicht den Schrittmacher für einen weiblichen Star spielen. Trotzdem sagt er: „Ich will auf keinen Fall woanders hin.“

Dem Bundestrainer gefällt diese Verweigerungshaltung nicht. „Darin zeigt sich, ob einer in die Weltspitze will oder nicht: Anni Friesinger oder Gunda Niemann-Stirnemann würden überallhin wechseln, wenn es darum ginge, Weltmeisterin oder Olympiasiegerin zu werden“, sagt Kraus. Und so dürfte er an diesem Wochenende in Erfurt beim Weltcup der Allrounder ganz genau hinschauen, ob er mit seinen Plänen den Läufern genug Druck gemacht hat – oder eben nicht.

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