• Die Vorläufer des CHI reichen in Berlin bis zur Jahrhundertwende zurück, heute ist diese Turnierform weltweit führend

Sport : Die Vorläufer des CHI reichen in Berlin bis zur Jahrhundertwende zurück, heute ist diese Turnierform weltweit führend

Gerhard Schröder

Auf Anhieb fällt einem im Sportleben von Berlin kein Ereignis ein, das fast ohne Unterbrechung seit knapp einem Jahrhundert immer wieder die Gemüter fasziniert. Das Internationale Reitturnier in Berlin hebt sich ab von allen Hallenveranstaltungen. Es hat seine eigenen Gesetze, seine eigenen Fans, seine eigene innere Kraft der Existenz.

Immer wieder engagierten sich Menschen für dieses pulsierende "Geschöpf CHI", das einst unter dem halben Pferdekopf, dem Finetti-Kopf, zur Grünen Woche zum Markenzeichen einer Pferdezucht wurde, die inzwischen weltweit führend ist. Im Laufe seiner wechselhaften Geschichte reflektierte der CHI Berlin wie ein Kaleidoskop die Welt des Pferdes und seiner Menschen, die es lieben.

Die Menschen, die das Berliner Reitturnier am Leben erhielten, wechselten so schnell, wie die Zeiten sich änderten. Nur eins war ihnen allen gemeinsam : Wie hypnotisiert fieberten sie mit diesem Turnier, das nicht nur irgendeins unter den Hunderten in Europa war. Es charakterisierte einst auch den starken Freiheitsdurst der eingemauerten West-Berliner. Was hätte das stärker beweisen können als das große Interesse der Ost-Berliner an diesem Ereignis, als die Mauer niedergerissen wurde. Nicht umsonst hat ausgerechnet eine US-Amerikanerin Pferde als Symbol des Freiheitswillens der Menschen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang für ihr künstlerisches Werk genommen, das heute an der Berliner Clay-Allee daran erinnert.

Wer heute Tradition und Geschichte im Berliner Pferdesport nur als Reliquien vergangener Zeiten und Epochen sieht, der irrt. Wie anders als aus dem erlebten und durchlebten Geschehen hätte der moralische Zwang, die sportpolitische Forderung, das unabdingbare Muss entstehen können, dieses reitsportliche Geschehnis immer wieder neu ins Bewußtsein zu bringen.

Es kann und ist nicht nur der Kommerz das Resultat des Reitturniers, das die Manager dazu bewegt zu tun, was sie tun. Der Zuschauer auf den Rängen sieht nur das Ergebnis von Kraftakten, die hinter den Kulissen nötig sind, um das Reitturnier zu einem attraktiven gesellschaftlichen Ereignis zu formen. Er spürt kaum etwas von den Turbulenzen, die Manager und Macher durcheinanderwirbeln. Sie setzen vieles aufs Spiel, um mit dem Reitturnier ein perfektes Werk zu inszenieren. Denn, so abstrakt das Wort im Sport klingen mag, in der geglückten Perfektion liegt ihr emotionaler Lohn.

Schon allein der Entschluß, aus der dem Tod geweihten Deutschlandhalle, der jahrzehntelangen Weihestätte des Welt-Turniersports, zu weichen war verbunden mit Schmerz und Ungewissheit. Schon dieser Start zu neuen Ufern war voller Risiken. Er glückte. Und besser als Optimisten je erhofften. Problem Nummer eins war der Umzug von der West-Berliner Deutschlandhalle ins Ost-Berliner Velodrom. Problem Nummer zwei war das Ende des schwedischen Volvo-Engagement als Sponsor für die Weltcups in Springen und Dressur. In diese dualen Probleme geworfen zu werden, war für den Veranstalter schon ein harter Brocken. Es war schließlich nicht nur ein lapidarer Umzug geographischer Natur. Es war auch ein Standortwechsel mit der Ungewißheit der mentalen Akzeptanz bei West und Ost. Nun gehören die CHI-Macher zu Menschen, für die Schwierigkeiten nur dazu da sind, um überwunden zu werden. Ein internationaler Turnierleiter wie der Münsteraner Peter Krautwig weicht nicht um einen Millimeter zurück, was immer da auch an Problemen auf ihn zukommen mag. Ein Medien-Geschäftsmann wie der Holländer Henk Brüger läßt allenfalls für Minuten sein keep smiling hinter einem eiskalten Pokerface verschwinden, wenn die Bilanzen sich zu sehr vernebeln. Ein gewiefter Horseman wie Paul Schockemöhle ist in jeder Phase ein Fighter, der immer zu kontern versteht. Ein Sponsoren-Fischer wie der PSM-Geschäftsführer Dr. Kaspar Funke marschiert in Situationen, die sein Gesicht zu Stein werden lassen, mit einer Familien-Garde du Corps auf. Für den internationalen Parcours-Designer Olaf Petersen ist ein Problem ein unbekanntes Wort.

0 Kommentare

Neuester Kommentar