Sport : Die Wade ist da, wo sie hin soll

Michael Ballack kehrt zum Vorrundenspiel gegen Polen in die deutsche Nationalelf zurück

Stefan Hermanns

Berlin - Michael Ballack besitzt ein gutes Gespür für die große Inszenierung. Nach und nach treten die deutschen Fußballnationalspieler auf den Platz im Amateurstadion von Hertha BSC. Kommt er? Oder kommt er nicht? Trainiert er mit der Mannschaft? Oder doch wieder für sich alleine? Es ist 10.22 Uhr, nur Mike Hanke, Jens Lehmann und Michael Ballack fehlen noch. Dann erscheint der Kapitän auf dem Platz. „Er ist da“, sagt ein Fernsehreporter, der live vom Trainingsplatz der Nationalmannschaft zugeschaltet ist.

Zehn Uhr fünfundzwanzig. Berlin. 25 Grad. Michael Ballack läuft sich warm. Die Wade hält.

Zehn Uhr zweiunddreißig. Michael Ballack dehnt seinen Körper. Die Wade hält.

Zehn Uhr sechsundvierzig. Michael Ballack bekommt ein Leibchen. Das erste Trainingsspielchen nach seiner Wadenverletzung. Die Wade hält.

Elf Uhr eins. Torschusstraining. Ballack spielt einen Pass nach rechts, Bernd Schneider kommt nicht an den Ball. „Du warst auch mal schneller“, sagt Ballack. Egal, die Wade hält.

Elf Uhr sechs. Eine Flanke von rechts. Ballack erzielt das erste Kopfballtor nach seiner Verletzung. Die Wade hält.

Als die Nationalspieler um 11.45 Uhr den Platz wieder verlassen, hat Ballack nach elf Tagen seine erste Trainingseinheit mit der Mannschaft erfolgreich hinter sich gebracht. Eine Nation atmet auf. „Michael Ballack wird auf jeden Fall in die Mannschaft zurückkehren“, sagt Joachim Löw, der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Vor der Begegnung gegen Polen (Mittwoch, 21 Uhr) gibt es offensichtlich keinen Dissens um Ballacks Gesundheitszustand. Vor dem Auftaktspiel gegen Costa Rica war das noch anders. Da hatte sich Ballack via „Bild“-Zeitung kurzfristig fit gemeldet, Klinsmann allerdings machte seine Richtlinienkompetenz geltend und ließ den Kapitän als Verletzt auf den Spielberichtsbogen setzen. „Die Wade ist noch nicht da, wo sie hin soll“, hatte der Bundestrainer gesagt.

Michael Ballack hat seine Informationspolitik gestern noch einmal verteidigt. Wenn ihn ein Journalist nach seinem Gesundheitszustand frage, „soll ich ihn anlügen? Was dann spekuliert oder ruminterpretiert wird, ist nicht meine Angelegenheit.“ Der Spekulationen und Interpretationen waren viele. Ein Machtkampf zwischen Trainer und Kapitän wurde verkündet, ein tiefes Zerwürfnis befürchtet. Inzwischen bemühen sich beide Seiten, zu beteuern, es werde nichts hängen bleiben.

Die letzten Tage mit der Ungewissheit um Ballacks Verletzung und den Irritationen um sein Verhältnis zu Klinsmann haben noch einmal dokumentiert, welche Bedeutung der Mittelfeldspieler für die deutsche Mannschaft und damit das seelische Wohlbefinden des Landes mittlerweile besitzt. Wenn Ballack mit rauer Stimme spricht, wird er besorgt befragt, ob er etwa erkältet sei; wenn er wie gestern auf dem Trainingsplatz mehrmals ausrutscht, muss er anschließend dementieren, dass er umgeknickt sei. „Das belastet mich nicht“, sagt Ballack zu dem Wirbel um seine Person. Bei der WM 2002 sei es nicht anders gewesen, als über eine vergleichsweise leichte Verletzung ebenfalls sehr ausschweifend berichtet wurde.

Seit der Weltmeisterschaft vor vier Jahren hat Ballacks Wert für die deutsche Nationalmannschaft eher noch zugenommen. „Er ist jemand, der unserem Spiel das Besondere verleiht“, sagt Kotrainer Joachim Löw, „der die Mannschaft führt und in schwierigen Situationen in der Lage ist, das Spiel zu beruhigen und zu organisieren.“ Gegen Costa Rica schaffte es die Mannschaft in kritischen Situationen auch ohne ihren Kapitän, gegen Polen aber erwarten alle Beteiligten eine weit schwierigere Aufgabe. „In Polen ist im Moment ein bisschen heiße Luft“, sagt Ballack. „Da wird’s zur Sache gehen.“

Bei einer Niederlage wäre die WM für die Polen wie vor vier Jahren bereits nach der Vorrunde beendet. „Das macht sie gefährlich und ein Stück unberechenbar“, sagt Löw. Michael Ballack, der früher im Verdacht mangelnder Widerstandsfähigkeit stand, hat inzwischen bewiesen, dass er sich in solch kritischen Situationen zu behaupten weiß. Längst beherrscht er auf dem Feld das Stilmittel der bewussten Provokation, mit seinen gezielt eingesetzten Fouls überschreitet er manchmal sogar die Grenze zur Brutalität. Im Fußball der Jetztzeit gilt so etwas als Ausdruck von Führungsstärke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben