Sport : Die Wadenhüter

Ballack und Klinsmann rangeln zum WM-Beginn

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Der Platz war ungewohnt für Michael Ballack. Der Kapitän der deutschen Nationalelf verbrachte das Eröffnungsspiel der WM gegen Costa Rica gestern Abend im Münchner WM-Stadion auf der Bank. Nur zum Feiern der vier deutschen Tore verließ Ballack seine prekäre Position. Sogar Bundestrainer Jürgen Klinsmann kam er dabei näher. Das war nicht unbedingt selbstverständlich, denn zwischen den beiden hatte es zuvor gehörig gerappelt. Ballack wollte spielen, Klinsmann ließ ihn nicht. „Ich habe dem Trainer mitgeteilt, dass ich spielen kann“, sagte Ballack gestern Abend nach dem Spiel. „Er hat gesagt, dass ein Einsatz zu viel Risiko birgt. Ich hätte schon gern gespielt, allein wenn man die Atmosphäre sieht, die hier herrschte.“

Zwei starke Charaktere prallten aufeinander: Ballack rangelte mit Klinsmann, dessen Sturheit ihm durchaus noch einmal Probleme bereiten könnte. Dann, wenn es nicht so gut ausgeht wie gestern Abend beim 4:2 gegen Costa Rica. Dem einen oder anderen Beobachter jedenfalls drängte sich der Eindruck auf, dass es hier nicht nur um eine verhärtete Wade, sondern auch um die Kritik ging, die Ballack jüngst am offensiven Spielsystem Klinsmanns geleistet hatte. Wollte der Bundestrainer ein Exempel seiner Macht statuieren? Es ging nur um medizinische Fragen, macht Klinsmann geltend, der dabei den Mannschaftsarzt hinter sich wähnt: „Wir haben gestern noch eine Kernspin gemacht, und die hat gezeigt, dass Michael noch nicht so weit ist. Es gab auch eine Warnung von Dr. Müller-Wohlfahrt. Ich wäre das Risiko jedenfalls nie eingegangen.“

Schon vor der Reise der deutschen Mannschaft am Donnerstag von Berlin zum Spielort München hatte Klinsmann erklärt, dass der Kapitän für das Eröffnungsspiel ausfallen werde: „Es sieht so aus, dass er nicht auflaufen kann.“ Der Bundestrainer hatte darauf verwiesen, dass Ballack nicht ein Mannschaftstraining in voller Länge absolviert hat. Lediglich am Mittwoch hatte er teilweise trainieren können. Nach einer halben Stunde aber hatte Ballack die Einheit abbrechen müssen.

So soll er am Dienstag vor der Mannschaft gesagt haben, dass nur die Spieler, die die Mittwochseinheit voll bestreiten können, eine Einsatzchance im Eröffnungsspiel haben. Vielleicht sah sich Ballack genötigt, auf dem Trainingsplatz zu erscheinen, statt die Zeit für Behandlungen zu nutzen. Offiziell mochte sich dazu niemand aus dem deutschen WM-Tross äußern.

Ballacks rechter Wadenmuskel beschäftigt die Nation seit die deutsche Mannschaft ihr WM-Quartier in Berlin bezogen hat. Während Ballack selbst noch am Dienstag versuchte hatte, die Sorgen um seinen Einsatz gegen Costa Rica zu zerstreuen („Ist ja alles nicht so schlimm. Ich gehe davon aus, dass ich spiele“), hatte Klinsmanns Assistent Joachim Löw vor einem Ausfall Ballacks gewarnt. „Solche Muskelverletzungen sind immer mit einem gewissen Risiko verbunden“, sagte Löw und erinnerte vorsichtshalber daran, dass die Mannschaft ein paar Mal ohne Ballack gespielt hat: „Wir müssen uns mit diesem Fall auseinander setzen.“

Ballack sah sich dann vor zwei Tagen genötigt, sich öffentlich gegen Behauptungen zu verwahren, wonach er zu sorglos mit der Blessur umgegangen sei. Solche Spekulationen waren aufgekommen, nachdem der Bundestrainer davon gesprochen hatte, Ballack habe die Verletzung „unterschätzt“. Ballack hatte zuvor davon berichtet, dass er keine Veranlassung zu einer früheren Behandlung gesehen und die zwei freien Tage über Pfingsten lieber mit seiner Familie verbracht habe. Er hatte zwar im Spiel gegen Kolumbien am vergangenen Freitag einen Schlag gegen die Wade bekommen, aber er habe erst am späten Sonntagabend „leichte Muskelprobleme" verspürt und sich am Montag nach seiner Ankunft in Berlin sofort in medizinische Behandlung begeben. Über den DFB ließ er eine Stellungnahme verbreiten. „Es ist fast schon eine Rufschädigung, wie über mich gesprochen und was über mich verbreitet wird“, hieß es darin. Er unternehme alles, um schnellstmöglich fit zu werden.

Klinsmann glaubte nicht mehr daran, dass dies seinem Kapitän schon zum Eröffnungsspiel gelingt. Am Tag vor dem Spiel hatte der Bundestrainer gesagt, dass es nun „das Allerwichtigste“ sei, dass Michael Ballack „zum zweiten Spiel zur Verfügung steht“. Während die Mannschaft am Donnerstag in der Münchner WM-Arena ihr Abschlusstraining absolvierte, war Ballack im Mannschaftshotel geblieben. Noch am Nachmittag hatte sich Ballack einer Kernspin-Untersuchung unterzogen. Die medizinische Abteilung der Nationalmannschaft wollte ausschließen, dass der Spieler sich ein „Compartment Syndrom“ (Blutstau in der Muskelhülle) zugezogen hat. Die Untersuchung zeigte keine schwerwiegende Schädigung auf.

Noch am selben Tag widersprach Klinsmann dem Eindruck, wonach er angeblich sauer sei auf seinen Kapitän und dessen Umgang mit dieser Verletzung. „Jeder kennt seinen eigenen Körper doch am besten“, sagte Klinsmann. Vermutlich habe Ballack geglaubt, dass er die Verletzung rechtzeitig hinter sich lassen kann. Jetzt habe sie ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, „damit muss er jetzt klarkommen“, sagte Klinsmann.

Während der ganzen Affäre demonstrierte Jürgen Klinsmann öffentlich Gelassenheit. „So sind die Gegebenheiten, aber das stört uns nicht. Wir haben keinen Einfluss darauf“, hatte Klinsmann am Donnerstag gesagt und die unangenehme Sachlage ins Positive gedreht: „Was wir zeigen, wird die Stimmung vorgeben für die nächsten Tage.“

Gut für den Bundestrainer, dass sein Team dann das Eröffnungsspiel gewann. Und dass Michael Ballack schließlich sagte: „Ich werde ihm keine Vorwürfe mehr machen.“ Und Klinsmann erwiderte: „Michael Ballack ist gesetzt. Für das Polen-Spiel bauen wir auf ihn.“

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