Sport : Die Waffen der Macht

Russlands Biathleten dominieren in Oberhof – dabei stecken sie in einem harten Sponsorenstreit

Helen Ruwald[Oberhof]

Eine halbe Stunde vor Rennbeginn wurde die Revolution unterbrochen. „Unser Trainer hat gesagt, wir sollen das neue Sponsorenlogo von unserer Kleidung entfernen“, sagte Weltmeister Nikolai Kruglow nach seinem Sieg im Sprint beim Biathlon-Weltcup in Oberhof. „Der Weltverband IBU hat angekündigt, dass wir sonst nicht starten dürfen.“ Der russische Verband RBU hatte die IBU per Fax aufgefordert, den eigenen Athleten ein Startverbot zu erteilen, sollten sie statt mit dem Logo des deutschen Teamsponsors Viessmann mit dem des russischen Stahlkonzerns Mechel starten. Dieser hatte zu Jahresbeginn Privatverträge mit den Biathleten geschlossen. Die IBU kam der Aufforderung von Russlands Verbandspräsident Alexander Tichonow nach. Die Werberegeln des Weltverbandes ließen es nicht zu, auf Werbeflächen, die dem nationalen Verband zugeordnet seien, einen anderen Namen als den des offiziellen Teamsponsors zu zeigen.

Den Namen des Heizgeräteherstellers Viessmann überkleben die Russen freilich seit Saisonbeginn. Es ist die Reaktion auf einen seit Monaten andauernden Streit mit dem allmächtigem und autoritären Tichonow, einst selbst ein Weltklasse-Biathlet. Tichonow ist auch IBU-Vizepräsident, was die Sache noch prekärer macht.

Kruglow, seine Kollegen und die Trainer demonstrieren ihre Macht derzeit auf der Strecke. Unter den besten acht Athleten waren am Samstag fünf Russen. Gestern im Verfolgungswettbewerb über 12,5 Kilometer gab es einen russischen Dreifachsieg: Kruglow siegte vor Dimitri Jaroschenko und Maxim Tschudow. Bester Deutscher war Andreas Birnbacher als Fünfter. Der russische Triumph von Oberhof ist ein Statement gegenüber Tichonow, der vor Saisonbeginn gedroht hatte, nur noch Junioren zu Weltcups zu schicken, sollten die Stars im Machtkampf nicht einlenken. Doch die derzeitigen Erfolge lassen einen solchen Schritt kaum zu. „Die Probleme mit dem Verband motivieren uns“, sagte Tschudow. Getrübt wurde die Freude gestern aber dadurch, dass Sergej Roschkow, Achter im Sprint, wegen eines erhöhten Hämoglobinwertes mit einer Schutzsperre belegt wurde. Er durfte nicht starten.

Beim Staffelsieg am Donnerstag war das russische Männerteam erstmals mit dem Logo des Privatsponsors Mechel auf den Mützen gestartet und hatte die Revolution in Gang gebracht. Es geht dabei um mehr Offenheit, um Mitspracherechte, einen Athletenvertrag und den Wunsch der Sportler, sich zumindest teilweise selbst zu vermarkten. Alles Dinge, die in anderen Ländern selbstverständlich sind. „Wir haben von unserem Verband in dieser Saison noch nicht einen Euro erhalten“, behauptet Kruglow. Trainingslager und Reisekosten würden vom Sportministerium bezahlt.

Gegen die Zusammenarbeit mit Viessmann – auch Sponsor vieler deutscher Biathleten – haben Kruglow und seine Kollegen im Prinzip nichts. Aber sie verlangen Einblick in den Sponsorenvertrag und eine finanzielle Beteiligung. Sie weigerten sich, zu einem Werbetermin für den neuen Teamsponsor zu erscheinen, wandten sich in einem offenen Brief an die russische Sportführung und setzten dem Verband ein Ultimatum bis zum Jahreswechsel, um auf die Forderungen einzugehen. Als das verstrichen war, befestigten sie das Logo des Stahlkonzerns auf ihren Mützen. Eine siebenseitige Vereinbarung, die der russische Verband inzwischen vorgelegt hat, lehnen sie ab.

Der Streit eskaliert auch deshalb, weil der neue Sponsor ausgerechnet der Stahlkonzern Mechel ist. Für diesen hat Wladimir Malin gearbeitet, der bei Tichonows Wiederwahl Ende Dezember der Gegenkandidat war, auf dem die Hoffnungen der Sportler geruht hatten. Doch Tichonow setzte sich überraschend deutlich durch und es gibt Stimmen, die sagen, dass bei der Wahl einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Tichonow dürfte es egal sein. Er hat derzeit ganz andere Probleme: Demnächst soll ein Verfahren gegen ihn wieder aufgenommen werden, in dem geklärt wird, ob er am gescheiterten Mordanschlag auf Aman Tulejew, den Gouverneur der Region Kemerowo, beteiligt war.

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