Sport : Die Wahrheit auf dem Platz

Trainer Meyer hat Herthas Grundproblem schon lange erkannt, jetzt spricht er es aus: zu wenig Substanz

Klaus Rocca

Berlin. Er sagte es nicht anklagend, nicht vorwurfsvoll. Er hatte dabei sogar ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht. „Es ist nicht eine Frage des Willens, sondern eine Frage des mangelnden Könnens“, stellte Herthas Trainer Hans Meyer klar. „Wir spielen zu wenig Fußball.“ Sätze, die eigentlich niemanden verwundern konnten und die 47 000 Zuschauer im Olympiastadion als Zeugen des Spiels gegen Hansa Rostock hätten unterstreichen können. Sätze, die manche ihm aber nun vorwerfen. „Mit solchen Worten verliert man leicht eine Mannschaft“, sagte gestern im Deutschen Sportfernsehen (DSF) Ex-Trainer Udo Lattek. Sollte heißen: So darf man seine Spieler nicht vor den Kopf stoßen.

Aber Hans Meyer weiß schon, wovon er spricht. Er wusste es bereits, als ihn Manager Dieter Hoeneß aus dem wohlverdienten Ruhestand herausriss und ihm den Posten des Cheftrainers bei Hertha BSC andiente. Damals formulierte es Meyer so: „Nach dem Studium der Videofilme war mir klar, worauf ich mich eingelassen hatte, dass es sehr kompliziert werden würde.“ Diese Erkenntnis hatte zwar auch etwas mit dem vorletzten Tabellenplatz zu tun, in erster Linie aber mit dem Mangel an Substanz, um im harten Abstiegskampf bestehen zu können. Es war eine nüchterne Einschätzung der Realität, die zu diesem Zeitpunkt nicht viele bei Hertha BSC wahrhaben wollten. Inzwischen, nach gerade einmal zwölf von dreißig möglichen Punkten unter seiner Führung, werden Meyers Zwischentöne immer deutlicher. Nicht umsonst hat er am Samstag offen bekundet: „Es hat sich nichts geändert.“

Und so ist es im Moment ein schmaler Grat, auf dem Hans Meyer wandelt: Die Wahrheit taugt nicht zur Motivation. Natürlich kommt das Pech hinzu, wenn man das Glück nicht mehr zwingen kann. Und so wies auch Hans Meyer gestern nach dem 1:1 gegen Rostock, wenn auch ein wenig verschämt, darauf hin, dass Hertha ein möglicher Handelfmeter versagt wurde, dass neun Spieler nicht dabei waren, „die gute Chancen gehabt hätten, aufgestellt zu werden“. Als Entschuldigung wollte er das nicht gewertet wissen, es solle nur mal erwähnt werden. Das Entscheidende sei aber, dass man „in solch einer Krisensituation Kopf und Beine braucht. Und da hapert’s bei uns“.

Das war wieder so ein Satz, harmlos dahingesprochen, aber an Klarheit nicht zu überbieten: Wenn es an den Beinen hapert, dann hapert es eben an Potenzial. Meyer hatte am Anfang, auch wenn ihn die Videofilme skeptisch gestimmt hatten, vor allem auf einen Routinier wie Fredi Bobic, den Nationalspieler, gesetzt. Beim ersten Spiel, dem bitteren 0:4 in Bremen, „war er auch mein bester Spieler“. Obwohl Bobic kein Tor geschossen hatte, wofür Stürmer nun mal vorrangig geholt werden. „Doch er hat den Ball abgeschottet, hat gut mitgespielt“, sagte Meyer. Was er derzeit von Bobic hält, verrät ein Blick auf die Statistik: Bobic wurde in den letzten drei Spielen erst am Schluss eingesetzt. Und das, obwohl der Trainer gegen Rostock nun wirklich Personalnöte hatte. „Fredi kann derzeit die Aufgabe nicht erfüllen, die ich von einem zentralen Stürmer erwarte“, sagt Meyer.

Dass er so vielen jungen Spielern wie Rafael, Fathi, Chahed oder Cagara eine Chance gab, geschah weniger aus der Hoffnung heraus, die geringe spielerische Klasse zu erhöhen. „Das wurde aus der personellen Not geboren“, sagt Meyer. „Ich hätte doch eine Macke, wenn ich die Youngster ohne Zwang in einer so brenzligen Situation ins kalte Wasser geworfen hätte.“

Dass die jungen Leute den Karren allein nicht wieder flottmachen können, liegt nahe. Für ein Minimum an Potenzial, um den Abstieg zu vermeiden, sollten andere sorgen. Routiniers wie Bobic, auch Marko Rehmer und Niko Kovac. Von Letzterem, wie Bobic als großer Hoffnungsträger geholt, redet inzwischen niemand mehr.

Über Marcelinho will Meyer schon gar nicht reden. Obwohl er nie Zweifel daran gelassen hat, dass er ihn würde aussparen können, wenn er sagt, dass „wir zu wenig Fußball spielen“. Samstag stand dem Brasilianer mit Uwe Möhrle ein Rostocker auf den Füßen, der zuvor in Großschönach und Pfullendorf gekickt hat – Marcelinho ging unter.

Was bleibt? Die Hoffnung auf die Rückkehr von Stammspielern, auf unbedingten Siegeswillen. Und auf eine gehörige Portion Glück. Auf spielerische Klasse setzt Meyer nicht mehr, die Realität steht dagegen.

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