Sport : Die Wahrheit hinter der Wahrheit

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Helmut Schümann über die

Fälle Otto Rehhagel und Huub Stevens

Hertha ist anders. Hertha trotzt allen Gesetzen der Branche und sagt zum Beispiel eben nicht, die Mannschaft hat vergangenen Samstag 1:4 gegen Bayer Leverkusen verloren. Hertha sagt, dass leicht auch alles anders hätte kommen können, zum Beispiel hätte Leverkusen nur einfach nicht vier Tore zu schießen brauchen, schon hätte Hertha 1:0 gewonnen. Hertha im Pech, da setzt man einen Trainer nicht schon nach neun sieglosen Bundesligaspielen vor die Tür. Hertha behält Huub Stevens, mindestens noch vier Tage, vielleicht auch noch bis Dienstag kommender Woche, vielleicht dann sogar noch länger. Sagt Hertha. Oder ist alles ganz anders?

Meistens gibt es in der Showbranche, also auch im Fußballgeschäft, immer noch eine zweite Ebene hinter der offiziellen Wahrheit. Also zum Beispiel so: Dieter Bohlen kann singen, das ist die offizielle Wahrheit. Oder so: Huub Stevens hat noch zwei allerletzte Chancen. Hat er sie wirklich, auch auf der Ebene hinter der Verlautbarung? Es hat schon Fälle gegeben, da haben Vereine ihrem Trainer öffentlich allerletzte Chancen eingeräumt und heimlich gebetet, er möge sie verpassen. In die Bredouille kommen die Klubs dann allerdings, wenn der Trainer die Chancen nutzt.

Otto Rehhagel ist so ein Fall mal passiert, das war 1996 bei Bayern München. Ein halbes Jahr zuvor war er aus Bremen zu den Bayern gewechselt – und hatte sich dort binnen ein paar Tagen alle zum Feind gemacht, die man sich in München nicht zum Feind machen sollte: Presse, verdiente Spieler, hochrangige Funktionäre. Und es gab Gründe für eine vorzeitige Trennung. Die Spieler klagten über den Umgang („Herr Helmer, Sie wollen Weltmeister sein? Lernen Sie erst mal Fußball spielen!“), die Chefs klagten über Arbeitsauffassung (bei Regen saß Herr Rehhagel gerne mal im Auto und schaute Assistent Klaus Augenthaler und den Spielern beim matschigen Treiben zu). Einer der Chefs, Franz Beckenbauer, hatte schließlich derart die Nase voll, dass er einen DreiPunkte-Plan aufstellte. Es stand das Uefa-Cup-Spiel bei Lokomotive Moskau an – verliert Rehhagel dort, fliegt er. Verliert er nicht, folgt Plan B: Es stand ein Pokalspiel gegen Werder Bremen an. Verliert er auch dort nicht, dann verliert er das nächste Bundesligaspiel und fliegt dann.

Der Plan war geheim, er spielte sich auf der Ebene hinter der offiziellen ab, auf der Otto Rehhagel das vollste Vertrauen ausgesprochen wurde. Der „Spiegel“ berichtete vom Plan, Beckenbauer dementierte – und bestätigte Wochen später im internen Gespräch. Allein, Rehhagel gewann, und Bayern musste warten, bis Hansa Rostock vorbei kam und 1:0 gewann durch ein Tor von Jonathan Akpoborie, über den Rehhagel laut Kabinentalk der Spieler vor dem Anpfiff gesagt hatte: „Passen Sie mir auf den Neger auf, der will Ihnen den Arbeitsplatz wegnehmen.“

Was das mit Hertha zu tun hat? Vielleicht die zweite Ebene, vielleicht die Wahrheit hinter der Wahrheit. Es hat Fälle gegeben, in denen der Trainer Zuspruch genoss gegen alle Ergebnisse und Tabellenstände, bis er das Vertrauen plötzlich verlor, weil der längst am Verhandlungstisch sitzende Nachfolger endlich unterschrieben hatte. Auch Hertha hat dergleichen schon praktiziert. Damals, als Jürgen Röbers Vertragsende feststand, aber nicht verkündet wurde, sondern erst, nachdem Nachfolger Stevens sein Okay gegeben hatte. Aber heute ist Hertha anders. Und Gedanken, dass Stevens’ Weggang längst beschlossene Sache ist, man nur noch etwas Zeit braucht bis ein Nachfolger (vielleicht Kjetil Rekdal, dessen Vertrag in Norwegen am 31. Oktober endet) bereitsteht, solche Gedanken kann man zwar andernorts gut anstellen, aber doch nicht bei Hertha. Wäre doch absurd anzunehmen, bei Hertha würde irgendjemand wünschen, Hansa würde mit einem Sieg Fakten schaffen. Gegnerische Siege wünscht sich nur Beckenbauer. Hertha doch nicht. Hertha ist anders. Bohlen kann singen!

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