Sport : Die Wahrheit liegt in der Halle

Die Volleyballer des SCC rätseln, wie sie gegen Friedrichshafen ihren Vorsprung noch verspielen konnten

Karsten Doneck

Berlin. Günter Trotz schleppt ein schwer wiegendes Problem mit sich herum. „Ich muss die Meisterschale im Flugzeug mitnehmen nach Friedrichshafen, und zwar im Handgepäck, damit die nicht verloren oder kaputtgeht. Das Ding wiegt immerhin 38 Kilo“, erzählt der Geschäftsführer des SC Charlottenburg. Trotz wird möglicherweise schneller von seiner Last befreit, als ihm lieb ist. Denn die Trophäe werden die Volleyballer des VfB Friedrichshafen wahrscheinlich einkassieren. Nach ihrem 3:2-Sieg (21:25, 21:25, 25:18, 25:23, 15:10) im ersten Endspiel um die deutsche Meisterschaft beim noch amtierenden Meister SCC haben sie in der Play-off-Serie „Best of five“ nun am Sonnabend und Sonntag Heimrecht und damit beste Aussichten, den Volleyball-Titel samt der gewichtigen Schale an den Bodensee zurückzuholen.

Zu sehr hat der missratene Auftakt in der Finalserie die SCC-Mannschaft demoralisiert, als dass jetzt noch einer mit der Wende rechnen würde, schon gar nicht in Friedrichshafen. Lang ausgestreckt, mit geschlossenen Augen lagen manche SCC-Spieler nach dem letzten Ballwechsel minutenlang auf dem Boden der Sömmeringhalle, unfähig, sich zu rühren oder gar die sonst nach Spielende üblichen Dehnübungen auszuführen. Andere suchten lieber Trost bei ihren unter den 1300 Zuschauern mitleidenden Freundinnen. Die ehedem so selbstbewusste SCC-Mannschaft, der Deutsche Meister, zuvor unbezwungen in allen Bundesliga-Heimspielen in dieser Saison – diese Mannschaft sackte nach Spielschluss zusammen.

Dem Spielverlauf in diesem ersten Finale hatte fast etwas Irrationales angehaftet, gewöhnliche Volleyball-Erfahrungswerte wurden da außer Kraft gesetzt. 2:0 nach Sätzen lag der SCC vorne – weitaus mehr als eine solide Basis zum Sieg. Zumal die Charlottenburger auch im dritten Satz bis zum 11:7 einen komfortablen Vorsprung herausgeholt hatten, später im vierten gar zwischenzeitlich auf 18:13 davongezogen waren. Solche Abstände heben normalerweise bei der führenden Mannschaft die Spiellaune und treiben den Gegner in die Verunsicherung. Stelian Moculescu, der VfB-Trainer, schien schon der Resignation nahe. „Der hat sich doch im dritten Satz schon auf seinen Stuhl gesetzt. Das war doch ein Zeichen, dass er seine Mannschaft aufgegeben hatte“, sagte SCC-Manager Kaweh Niroomand.

Und doch holte sich der VfB Friedrichshafen den dritten und vierten Satz und hatte anschließend im Tiebreak kaum noch Widerstand der Berliner zu brechen. „Das war schon deprimierend“, stellte Geschäftsführer Trotz fest.

Um nicht ganz so desillusioniert dazustehen, flüchteten sich die Verantwortlichen des SCC hinterher in Konjunktive. „Wenn wir Friedrichshafen 3:0 geschlagen hätten, was ja durchaus möglich gewesen wäre, dann hätten wir die jetzt zum dritten Mal hintereinander bei uns zu Hause mit 3:0 besiegt. Was meinen Sie, was das bei denen für eine Wirkung hinterlassen hätte?“, sagte Manager Niroomand. Auf der Anzeigetafel in der Sömmeringhalle war hingegen kein Platz für Konjunktive. Dort stand die Wahrheit: 2:3.

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