Sport : Die Wand, die Uhr und das Trauma

EM: Hockeyfrauen unterliegen England 0:2

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Die Deutschen kommen. Die englischen Spielerinnen legten den Respekt vor ihren Gegnerinnen schnell ab. Foto: Reuters
Die Deutschen kommen. Die englischen Spielerinnen legten den Respekt vor ihren Gegnerinnen schnell ab. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Manchmal sieht man das Unglück schon von weitem kommen, und trotzdem lässt es sich nicht aufhalten. Als den englischen Hockey-Frauen gestern im Gruppenspiel gegen Deutschland nach einer Viertelstunde eine höchst umstrittene Strafecke zugesprochen wurde, ahnte Bundestrainer Michael Behrmann schon, was nun passieren würde: „Meistens ist es so, dass die unglücklichen Ecken dann auch noch rein gehen.“ Ein Unglück kommt eben selten allein, und so war es auch gestern. Crista Cullen traf im Nachschuss zum 1:0 für England, und von diesem Treffer sollten sich die Deutschen nicht mehr richtig erholen. 0:2 (0:1) hieß es am Ende. „Wir waren heute nicht gut genug, um England zu schlagen“, sagte Behrmann.

Aber manchmal kommt das Glück auch unverhofft zu einem zurück. Gleich im Anschluss trafen die vermeintlich übermächtigen Holländerinnen auf Spanien – und verloren vollkommen überraschend 0:1 (0:1). Immer wieder stand die überragende Torfrau Maria Lopez de Eguilaz den Holländerinnen im Weg. Und so kehrte sich der vermeintliche Nachteil der Deutschen unversehens in einen Vorteil: Wenn nun auch die Holländerinnen – wie die Deutschen – in ihrer Gruppe Zweiter werden, kommt es im Halbfinale doch nicht zu dem Duell gegen den Turnierfavoriten, das die Mannschaft von Bundestrainer Michael Behrmann unbedingt vermeiden wollte.

Die Deutschen waren noch davon ausgegangen, gegen England gewinnen zu müssen, um Holland aus dem Weg zu gehen. Entsprechend druckvoll gingen sie das Duell gegen die Engländerinnen an. Die Nationalmannschaft versuchte den Gegner durch frühes Pressing unter Druck zu setzen und ließ nicht einmal im Ansatz erahnen, dass sie unter einer Art England-Trauma leidet. Seit ihrem letzten Sieg im EM-Halbfinale vor zwei Jahren haben die Deutschen sieben Mal hintereinander gegen die Engländerinnen verloren.

Gestern folgte Niederlage Nummer acht – weil sich das Spiel nach dem 0:1 komplett änderte. „Eigentlich habe ich gedacht, dass wir ein bisschen selbstbewusster auftreten“, sagte Behrmann. Die Zuversicht aber war mit dem Rückstand wie weggeblasen. Im Aufbau unterliefen den Deutschen immer wieder leichte Fehler, und auch nach der Pause fand die Mannschaft nicht mehr richtig ins Spiel. Sie wirkte fahrig, in manchen Situationen fast schon lethargisch. „Wir sind nicht als Team aufgetreten“, sagte der Bundestrainer. „Zwei, drei haben alles probiert, die anderen haben nicht richtig mitgemacht.“

Die Engländerinnen erkannten ihre Chance - und nutzten sie entschlossen. Fünf Minuten nach der Pause traf Cullen, erneut nach einer Strafecke, zum 2:0. Drei weitere Strafecken ließen die Engländerinnen danach ungenutzt, und trotzdem geriet ihr Erfolg nie in Gefahr. Eine einzige gute Chance hatten die Deutschen in der zweiten Halbzeit, als Eileen Hoffmann aus kurzer Distanz an Englands Torhüterin Storry scheiterte. Sonst aber fanden die Deutschen für ihren Druck kein Ventil. Der Kreis der Engländerinnen war komplett abgedichtet.

Die deutsche Mannschaft schien schon weit vor der Schlusssirene nicht mehr an ihre Chance zu glauben. Auf den Rängen war das Raunen des Publikums, Ausdruck allgemeiner Unzufriedenheit, nun weitaus deutlicher zu vernehmen als die Anfeuerungen für das deutsche Team. „Vielleicht hatten wir zu viel Druck im Kopf“, sagte Kapitänin Fanny Rinne. „Wir haben nur die englische Wand vor uns und die Uhr runterlaufen sehen.“ Eine schöne Perspektive war das nicht.

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