Sport : Die Wasserträger

Während der Tour de France müssen die Fahrer fast ständig trinken und essen – aber bitte keinen Salat

Reiner Guareschil

Toulouse. Eine Frankreich-Reise ist auch ein Fest der Sinne: Prachtvolle Landschaften verwöhnen das Auge, ausgiebige Mahlzeiten erfreuen den Gaumen. Ein Coq au Vin mit einer anschließenden Mousse au Chocolat wäre für so manchen ein gelungener Tagesabschluss in Frankreich. Nicht aber für einen Radprofi bei der Tour de France.

Beim Essen steht für die Radrennfahrer, die täglich sechs Stunden körperliche Schwerstarbeit verrichten, die Energiebilanz im Vordergrund. Bei der Tour müssen sie täglich so viele Kalorien wieder in den Körper zurückführen, wie sie auf der Straße verbraucht haben. Dieses Problem erfordert ernährungswissenschaftliches Know-how.

Dabei ist das heutige Zeitfahren, bei dem die Fahrer eine Stunde lang an die Grenze ihrer Belastbarkeit gehen, für den Energiehaushalt fast ein Ruhetag. Nicht mehr als 1000 Kalorien werden Lance Armstrong und Jan Ullrich verbrauchen, um eine Stunde lang mit rund 50 Stundenkilometern über die Landstraße zu brausen. Das ist nicht mehr als der Brennwert einer gewöhnlichen Mahlzeit. Wenn die Fahrer jedoch um die 200 Kilometer zurücklegen, müssen sie genau überlegen, wie sie zu ihrem Brennstoff kommen.

Bei einer mittelschweren Etappe, erläutert Telekom-Mannschaftsarzt Lothar Heinrich, verbrennt ein Radsportler etwa 6000 Kalorien. Das sei die Obergrenze dessen, was der Körper zu sich nehmen kann. Morgens zum Frühstück isst Rolf Aldag beispielsweise einen großen Teller Müsli, dazu Baguettes mit Marmelade und Obst. Doch damit ist das Frühstück nicht vorbei: Im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Start gibt es kleine Kuchen aus Dinkelweizen, die die Mannschaftsköche gebacken haben.

Fast jede Mannschaft hat mittlerweile eigene Köche dabei, und das hat einen einfachen Grund. „Wenn es nicht schmeckt, essen die Fahrer nicht genug“, sagt Lothar Heinrich.

Einen Energieriegel mit durchschnittlich 300 Kalorien essen die Fahrer während des Rennens pro Stunde. Ständig zu essen ist rennentscheidend. Wenn die Energiespeicher unterwegs plötzlich leer sind – Hungerast heißt das im Fahrerjargon –, kann das den Sieg kosten oder sogar zur Aufgabe zwingen. Am Abend gibt es eine reguläre Mahlzeit mit Fisch oder Geflügel, Reis oder Nudeln sowie Nachtisch. Tabu ist allerdings Salat. Darin sei nichts enthalten, was der Rennfahrer verwerten könne, sagt Heinrich. Das Verdauungssystem habe keine Kapazitäten für Nebensächlichkeiten frei.

Steht eine schwere Bergetappe an, verbrennen die Fahrer laut Heinrich bis zu 8000 Kalorien. So viel aber könne kein Mensch essen. Die Pyrenäenetappen gehen deshalb an die Substanz: Die Fahrer verbrennen Fett und Muskelgewebe. Etwa vier Kilogramm nehmen die Fahrer während der Tour ab, bei Männern wie dem Kletterer Giuseppe Guerini, der nur knapp über 60 Kilogramm wiegt, fällt das besonders deutlich ins Gewicht.

Ein noch größeres Problem ist das Trinken. Auf der langen und heißen Etappe am Dienstag nach Marseille gab Heinrich 100 Liter an die acht Fahrer heraus. Doch auch die Menge an Flüssigkeit, die der menschliche Körper aufnehmen kann, ist begrenzt. Irgendwann funktioniert die Verdauung nicht mehr, und so grassieren in den heißen Tagen Magenverstimmungen – wie zum Beispiel bei Jens Voigt. Der Berliner musste deshalb gestern sogar aufgeben (siehe nebenstehender Artikel).

Zum Abendessen dürfen die Fahrer ein Glas Wein oder Bier trinken. Zehn Flaschen Wein, gibt Richard Virenque zu, konsumiert er während der drei Wochen. Offensichtlich ist eine Reise durch Frankreich selbst für Tour-Profis nicht genussfrei.

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