Sport : Die Weisheit der Vielen

50 000 Fans wollen in England einen Klub kaufen – und gemeinsam managen

Mathias Klappenbach

Berlin - Will Brooks ist in diesen Tagen schwer zu erreichen. Tausende Menschen haben viele Fragen, sie wollen wissen, wann es endlich losgeht. Viele von ihnen, derzeit etwa 25 000, haben bereits ihre 35 englischen Pfund fürs erste Jahr bezahlt, die sie zum Mitbesitzer eines Fußballklubs machen sollen. Eines Fußballklubs, der völlig anders sein soll, als man es bisher kennt. „Own your club and pick the team“ heißt das Motto des Projekts, die angestrebten 50 000 Besitzer, die jeder genau eine Stimme für alle Entscheidungen haben, werden den Klub über das Internet managen.

Es ist ein ernst gemeintes, professionell organisiertes Unterfangen. Neben dem ehemaligen BBC-Journalisten Brooks ist unter anderem auch Michael Fiddy beteiligt, der als Managing Director den FC Fulham in die Premier League führte, nachdem er vom Multimillionär Mohammed Al-Fayed gekauft worden war. Derzeit laufen Gespräche zwischen dem Organisationsteam und sieben interessierten unterklassigen Klubs. Das Ziel ist die Premier League. Wenn 50 000 Leute einen Klubanteil kaufen, stehen erst einmal netto knapp 1,5 Millionen Pfund für eine Übernahme zur Verfügung. Wie soll es dann weitergehen? „Zusätzlich zu dem Geld, dass Mitglieder jährlich zahlen, brauchen wir natürlich Sponsoren und Fernsehgelder“, sagte Felix Ney aus Berlin, der auch schon einen Anteil gekauft hat. In England sind die Klubs viel klarer als Wirtschaftsunternehmen strukturiert als in Deutschland, wo rechtlich eine komplette Übernahme nicht möglich ist.

In der Premier League gehören die meisten Klubs Großinvestoren, viele Fans haben sich von der Kommerzialisierung abgewandt. Der durchschnittliche Eintrittspreis für ein Spiel liegt auch bei 35 Pfund (51 Euro), das ist fast dreimal so viel wie in Deutschland. Fans von Manchester United gründeten nach der Übernahme des Klubs durch den Milliardär Malcom Glazer sogar einen eigenen Verein, den FC United of Manchester. Das neue Projekt ist ambitionierter, es hat einen völlig anderen Ansatz von Mitbestimmung. „Der Hintergrund ist auch soziologisch, er basiert auch auf dem Buch ,Wisdom of crowds‘“, sagt Felix Ney. Das Buch beschreibt Prozesse, in denen die Entscheidungen einer Gruppe zu besseren Entscheidungen führen als die von Einzelnen. Die Motivation vieler neuer Klubbesitzer dürfte neben der Kritik an der Kommerzialisierung auch die Chance sein, an einem realen Managerspiel teilzunehmen.

Denn möglichst viele große und auch kleine Entscheidungsprozesse sollen von den Eignern per Internet gelenkt werden. Dazu braucht es eine Benutzeroberfläche, und es scheint aus Sicht des Computerspieleherstellers EA Sports schlau zu sein, dass er jetzt schon zu den Unterstützern des Projektes zählt. Sicher werden den Klubbesitzern nicht so exakte Informationen vorliegen wie in einer Simulation, wo die Spieler gerade 63 Prozent Kondition haben und einen Formwert von 62 Prozent. Der Trainer hätte aber die Aufgabe, die Besitzer-Manager aus aller Welt – sie kommen aus 120 Ländern – im Netz so zu informieren, dass sie über die Aufstellung entscheiden können. „Man muss diese Revolution versuchen“, sagt Felix Ney. „In meinem Verein läuft seit 20 Jahren sehr viel falsch.“ Er ist Fan des 1. FC Union.

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