Sport : Die Welt im linken Bein

Ferenc Puskas gilt als einer der genialsten Fußballer des 20. Jahrhunderts – jetzt ist er gestorben

Peter Kasza

Wenn man einen Ungarn ärgern will, dann sollte man ihm den Satz hinrotzen: „Ferenc Puskas war ja eigentlich Deutscher.“ Puskas trug bei seiner Geburt den Namen Purczeld, was darauf hinwies, dass seine Vorfahren irgendwann von Deutschland nach Ungarn übergesiedelt waren. Aber er hatte nur einmal nennenswert mit Deutschland zu tun: Am 4. Juli 1954 im Wankdorfstadion zu Bern, und das war eine schmerzvolle Erfahrung: das 2:3 im WM-Finale gegen Deutschland. Die Ungarn haben Puskas immer „Öcsi“ genannt. „Kleiner Bruder“ heißt das. Sie haben ihn auch noch so genannt, als er in einem Sanatorium in den Tag hineindämmerte. Und selbst jetzt, da er gestern mit 79 Jahren in einer Budapester Klinik gestorben ist, werden sie ihn so nennen.

Die anderen nannten Ferenc Puskas „Major“: die Deutschen, die Engländer, die Spanier. Puskas spielte Anfang der fünfziger Jahre bei Honved Budapest. Es war die Mannschaft des Militärs und – wie im Sozialismus üblich – waren alle Spieler per Definition Soldaten. Puskas’ Leben bewegte sich immer zwischen „Kleinem Bruder“ und „Major“, zwischen einem, den man beim ersten Anblick unterschätzte, und einem, bei dessen Präzisionspässen einem die Kinnlade hinunterklappte. Der Schriftsteller Peter Esterhazy schrieb über Puskas: „Die Welt ist alles, was sein linkes Bein macht.“ Geschossen hat Puskas nur mit links. Auch sonst war er kein Fußballer im eigentlichen Sinne. Er war klein und dick, aber sehr erfolgreich. 349 Spiele für Honved: 358 Tore. 84 Spiele für Ungarn: 83 Tore. 179 Spiele für Real Madrid: 156 Tore. Achtmal Torschützenkönig, viermal in Ungarn, viermal in Spanien. Wenn man seine Tore in der ungarischen und spanischen Liga zusammennimmt, ist er der Torschützenkönig des 20. Jahrhunderts. Mit 16 wurde Puskas Profi, aufgehört hat er mit 39. In dieser Zeit waren es drei Spiele, die die wichtigsten seiner Karriere waren. An ihnen lässt sich sein Leben erzählen, das erst steil bergauf ging, dann steil bergab und schließlich noch einmal langsam auf den Gipfel hinauf. Das erste dieser bedeutenden Spiele nannten die, die im Wembleystadion dabei waren, das „Jahrhundertspiel“. Die Engländer waren seit 90 Jahren im Fußball ungeschlagen. Dann kam dieser „kleine fette Typ“, wie ihn die englischen Zeitungen nannten, schoss zwei Tore und machte alles zunichte. 6:3 für Ungarn stand es am Ende. An diesem 25. November 1953 war die „Goldene Mannschaft“ der Ungarn auf ihrem Höhepunkt. Sie hatte das Mutterland des Fußballs erniedrigt. Bei der WM 1954 nahmen die Buchmacher keine Wetten mehr auf einen Weltmeister Ungarn an. Zu klar schien, dass die Mannschaft, die in 32 Spielen am Stück ungeschlagen war, Weltmeister werden würde.

Puskas war das Gesicht dieses Favoriten, und er nahm sich Sachen heraus, die für Normalsterbliche nicht möglich waren. 1954 genoss er im WM-Quartier Zigaretten und Bier. Im Endspiel schoss er trotzdem nach sechs Minuten das erste Tor. Na ja, was dann kam, ist bekannt. Als die Deutschen kurz vor Schluss 3:2 führten, schoss er noch ein Tor, was der Linienrichter aber wegen Abseitsstellung nicht gab. „War kein Abseits“, brüllte Puskas und hatte wohl recht. Aber es half nichts. Im entscheidenden Spiel hatte er versagt. Nach diesem Spiel war der Zauber, den die Goldene Mannschaft umgab, verflogen.

Der ungarische Volksaufstand im Jahr 1956 bedeutete das Ende von Puskas’ Karriere in Ungarn. In den revolutionären Wirren gelangte er in den Westen. Auf Betreiben des ungarischen Verbandes wurde er zunächst vom Weltverband Fifa für 18 Monate gesperrt. Puskas legte 18 Kilo zu, dann schien ihn keiner mehr zu wollen. 31 Jahre alt, zwei Jahre nicht mehr gespielt. „Sehen sie mich an“, sagte Puskas bei einem Treffen mit Real Madrids Boss Santiago Bernabeu: „Ich bin fett!“ – „Das ist ihr Problem, nicht meines“, antwortete Bernabeu. Puskas unterschrieb einen Vertrag. In der Real-Hierarchie war die Position des Stars zwar schon mit Alfredo di Stefano besetzt, aber Puskas wurde zum Publikumsliebling. Und als 1960 im dritten entscheidenden Spiel seiner Karriere der Schlusspfiff ertönte, hatte Real in Glasgow 7:3 im Europapokal-Finale der Landesmeister gegen Eintracht Frankfurt gewonnen. Puskas hatte viermal getroffen.

In der Puskas-Ära wurde Real sechsmal Meister und zweimal EuropapokalSieger. „Es war sehr schön, noch einmal in einer Goldenen Mannschaft zu spielen“, sagte er später. Über die zweite Karriere des verlorenen Sohnes wurde in Ungarn kaum berichtet. Als er 1962 bei der WM in Chile auch noch für Spanien spielte, sprach das ungarische Fernsehen in rührender Hilflosigkeit nur vom „Spieler der Fifa“. Bis seine Landsleute ihm dann doch den Titel „Ungarns Sportler des Jahrhunderts“ verleihen konnten, dauerte es bis 1996, als Puskas zurück in die Heimat kam. Diese Anerkennung hat ihm gut getan, denn hinter ihm lagen nach Ende der Spielerkarriere einige wenig ruhmreiche Trainerstationen wie San Francisco Gales, Vancouver Royals oder Panhellenic Melbourne. Hinter ihm lag auch eine pleitegegangene Wurstfabrik.

Für Ungarn wie Madrilenen ist er ein Held geblieben. Für die Behandlung seiner Alzheimererkrankung in der Budapester Prominentenklinik Kutvögly kamen die ungarische Regierung und der Fußballverband auf. Real überwies, so heißt es, monatlich eine Rente von 2000 Euro. Es war eine letzte Geste der Anerkennung für Major Ösci, einen der großen Fußballspieler des 20. Jahrhunderts.

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