Sport : Die Welt ist eine ruhige Kugel

Entspannung und Leidenschaft auf Straßen und Plätzen – Petanque spiegelt die Lebensart der Franzosen

Christian Tretbar[Paris]

Andere Länder, andere Sitten. Auch im Sport gilt dieser Satz. Wir beschreiben in loser Folge, welche Sportarten Nationen prägen, und warum das so ist.

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Für einen guten Wurf gibt es keinen Applaus. Die Mitspieler klacken nur anerkennend die 700 Gramm schweren Eisenkugeln gegeneinander. So ist das auch bei den Herren im Jardin du Luxembourg. Es ist ein freundlicher Sommertag mitten im Herzen von Paris. Der Park ist einer der schönsten und beliebtesten der ganzen Stadt. Nicht nur bei den Studenten der nahe gelegenen Sorbonne, sondern auch bei den Pariser Boulespielern.

Rund 20 Spieler haben sich unter dem Schatten der Lindenbäume versammelt. Der Älteste von ihnen ist weit über siebzig, der Jüngste gerade einmal elf. Ihre Jacken haben sie auf einer wackeligen Eisenstange fein säuberlich über einen Bügel gehängt. Das Laub auf dem Kies wischen sie zur Seite, und der erste Werfer zieht mit seinen abgewetzten Schuhen einen Kreis, aus dem alle ihre Kugeln werfen sollen.

Der Habitus ist bei allen gleich, auch bei dem elfjährigen Jungen. An der rechten Hand, mit der er die Silberkugel wirft, baumelt eine kleine Silberkette, in der linken hat er wie alle sein altes Wischtuch, um die Kugel vom Staub zu befreien. Der Nachwuchsspieler ist der Allrounder im Dreier-Team. Daneben gibt es noch einen Pointeur, dessen Spezialität es ist, die Silberkugel so nah wie möglich an die kleine Holzkugel zu legen. Der Dritte im Bunde ist etwas rabiater und heißt Tireur, der Schießer. Er soll beim Boule die gut gelegten Kugeln des Gegners wegschießen.

Die Bezeichnung Boule ist aber irreführend. Denn es ist nur ein Sammelbegriff für viele Kugelspielarten. Die berühmteste ist Petanque und eigentlich nur eine Verlegenheitslösung. Denn sein Erfinder Jules le Noir war eigentlich ein begeisterter „Jeu provencale“-Spieler. Ähnlich wie beim Petanque muss man beim Jeu provencale eine Kugel werfen und so nah wie möglich an ein Ziel herankommen, wobei die Kugel allerdings auf einer extra präparierten Bahn mit Anlauf 20 Meter weit katapultiert werden muss. Le Noir litt jedoch irgendwann so stark unter Rheuma, dass er nicht länger mitspielen konnte. Aufgeben wollte er seine Leidenschaft nicht. Deshalb spielte er abseits für sich allein aus dem Stand. Nach und nach gesellten sich seine Freunde dazu und so wurde 1910 in der Provence die heute noch populärste Boule-Spielart geboren: Petanque.

Das Wort bedeutet nichts anderes als geschlossene Füße, weil man aus dem Stand spielt, ohne Anlauf und mit geschlossenen Füßen. Die Kugel muss mindestens sechs, maximal zehn Meter weit geworfen werden. Ziel ist es bei allen Spielarten, so nah wie möglich an das so genannte Cochonnet zu kommen, das „Schweinchen“. Diesen Spitznamen trägt die kleine Holzkugel, weil schon die alten Römer ein ähnliches Spiel organisierten, nur dass sie damals nicht eine kleine Holzmurmel zum Ziel hatten, sondern kleine Spanferkel.

Mittlerweile ist Petanque eine professionell betriebene Sportart mit nationalen und internationalen Meisterschaften. Sportgymnasien vor allem im Süden Frankreichs bieten Petanque als Leistungssport an. Der Sport ist in Frankreich vor allem eines: Entspannung, ganz gleich ob in der Mittagspause oder nach Feierabend. Es gibt keine lästigen Gespräche über Arbeit und Familie. Nur die Silberkugeln und die Suche nach dem perfekten Wurf. Alles andere versinkt im Nichts hinter dem kniehohen Zäunchen und der Holzplanke. Wohl auch deshalb ist Petanque eine Sportart für jedes Alter. Im Jardin du Luxembourg sind fast alle Generationen vertreten. Einzig die Teenagergeneration fällt aus. Doch spätestens mit Anfang zwanzig kehren viele zurück auf den Kiesplatz und nehmen es mit den Routiniers auf.

Bei aller Gemeinschaft ist beim Petanque jeder im entscheidenden Moment auf sich alleine gestellt, daher wirkt das Geschehen trotz der Geselligkeit bisweilen etwas eigenbrötlerisch. Über ihre Spielzüge diskutieren die Franzosen gerne und lange. Sie zelebrieren Petanque als Kunst, als Geisteshaltung, als Genuss. Sie sind stolz auf ihr Spiel, weil es allen gehört, gerade auch dem kleinen Mann. So spiegelt sich beim Petanque auf den Straßen und Plätzen die Seele Frankreichs – individuell, kulturbewusst und auch ein bisschen sozialistisch.

Bisher erschienen: Thaiboxen in Thailand.

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