Sport : Die Wir-AG

Mit einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl schafft der FC Hansa Rostock vier Siege in Folge

Daniel Pontzen

München. Es war die perfekte Gelegenheit zur Abrechnung. Martin Max lehnte an einem Gitter in den Katakomben des Münchner Olympiastadions und wartete, bis sich die Journalisten postiert hatten – um ihn zu bestürmen, den Sieger einer Auseinandersetzung, die nicht einmal stattgefunden hatte. Im Frühsommer, als Max auf ein Angebot zur Vertragsverlängerung gewartet hatte, verzichteten die Verantwortlichen von 1860 München auf ein Gespräch. Für den Stürmer war kein Platz vorgesehen im Verein, weil er schon 35 war. Abgeschoben fühlte sich Max, und das muss Verbitterung auslösen bei jemandem, der über Jahre bester Torschütze eines mittelmäßigen Klubs war und trotz dieses mittelmäßigen Klubs zweimal Torschützenkönig der Bundesliga geworden war.

Jetzt also, nachdem er zwei Tore beigetragen hatte zum 4:1 des FC Hansa Rostock über seinen ehemaligen Verein, konnte er verbale Vergeltung üben für die empfundene Ignoranz, als ihn ein Reporter fragte, ob durch die Ereignisse des Tages sein kühnster Traum in Erfüllung gegangen sei. Doch Max sagte nur: „Wir hatten uns vorgenommen, heute zu gewinnen. Und ich denke, wir haben viel Selbstvertrauen getankt in den vergangenen Wochen.“ Juri Schlünz, seit sieben Spielen Trainer von Hansa Rostock, wird in der demonstrativen Bescheidenheit von Max nichts Sonderbares erkennen. Für ihn ist das die gelebte Einstellung, die er seinen Spielern abverlangt. Das ist der Schlüssel zu vier Siegen in Folge: „Die Spieler haben gelernt, dass nicht die Worte ‚ich’ oder ‚mein’ wichtig sind, sondern dass das Wort ‚wir’ großgeschrieben wird.“ Schlünz lehrt die Rostocker das System der ersten Person Plural: Max als Mannschaftsteil also, neben vielen anderen.

Verblüffender als die zwölf Saisontore des wieder mal erfolgreichsten deutschen Bundesliga-Torschützen ist die reibungslose Fußballproduktion der Marke FC Hansa. Ein Rädchen greift ins andere, mal wird das Arbeitstempo erhöht, mal reduziert, wie am Sonnabend nach dem 2:1-Führungstreffer. 1860 bemühte sich vergeblich, Lücken in Rostocks Abwehr zu finden, doch immer wieder verschoben sich Hansas Mannschaftsteile so kompakt wie Riegen beim Tischkicker. In der Abwehr haben Uwe Möhrle und Joakim Persson ihre Hereinnahme gerechtfertigt, im Mittelfeld festigt sich um Marcus Lantz ein massiver Fünferblock, dessen Defensivkunst den Gegner nicht vor blitzschnell lancierten Angriffen schützt.

Seit dem 0:1 gegen Hertha am 25. Oktober hat Hansa das neu konservierte Wir-Gefühl in jedem Liga-Spiel in Punkte umsetzen können. „Vor fünf Wochen waren wir Letzter, da wurde allen bewusst: Es wird gefährlich. Jetzt hat die Mannschaft den Beweis geliefert, dass sie mit geschlossenem Auftreten viel erreichen kann“, sagt Schlünz. Hansa ist Tabellenzehnter. „Wir brauchen immer noch Punkte, das betone ich auch jetzt“, sagte Schlünz, und auch wenn er das nicht betonte, sondern gewohnt monoton vortrug, scheint die Botschaft bei seinen Spielern anzukommen. „Das hat die Mannschaft in der Kabine auch gesagt, dass noch nicht alles super ist.“

Vielleicht gilt auch für Martin Max, dass noch nicht alles super ist in Rostock. Seine Familie wohnt nach wie vor in Putzbrunn nahe München, wo Max „eine sehr schöne Zeit“ verbracht hat. Manchmal ist ihm die Enttäuschung über das jähe Ende seiner dortigen Dienstzeit anzumerken, etwa dann, wenn er das für ihn ungewohnte Stilmittel der Ironie einsetzt. Ob es möglicherweise an seinen zu hohen Gehaltsforderungen gelegen habe, dass man ihn nicht gehalten habe, wurde er gefragt. „Ja klar“, sagte Max. „In Rostock verdiene ich ja das Doppelte.“

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