Sport : Die WM fängt für Berlin und Brasilien an

André Görke

Berlin - Spät am Abend bog der gelbgrüne Mannschaftsbus in die Fasanenstraße ab, begleitet von zig verbeulten Einsatzfahrzeugen der Polizei. In Berlin haben die Stars der Brasilianer ihr WM- Stadtquartier im Hotel Kempinski bezogen. „Oh, oh, Ronaldo!“, riefen die Fans in die Nacht hinein, die vom Blaulicht der Polizei und vom Blitzlichtgewitter der Fotografen grell erleuchtet war.

Eine ungeheure Faszination geht vom fünfmaligen Weltmeister aus, das ist schon am Design des Mannschaftsbusses zu erkennen. Während die Deutschen mit dem eher schlichten Slogan „We are football“ durchs Land reisen, steht auf dem Gefährt der Brasilianer: „Vehicle monitored by 180 Million Brazilian Hearts“ (Fahrzeug wird von 180 Millionen brasilianischen Herzen begleitet).

Das brasilianische Fernsehen übertrug den Hotel-Check-in live in die Heimat, am nächsten Nachmittag belagerten hunderte aufgeregter Journalisten die Spieler bei einer lockeren Trainingseinheit im Olympiastadion. Was es zu berichten gab? Nun, dass Ronaldinho und Ronaldo auf die Dehnübung zum Schluss verzichtet haben und stattdessen lieber aufs Tor schossen. Trainer Carlos Alberto Parreira warnte noch, dass man die Kroaten nicht unterschätzen dürfe, dann verschwand der Tross auch schon wieder.

Bisher gab es wenig zu berichten aus Deutschland, deshalb die Hysterie, die Vorfreude, die Ekstase. Die Brasilianer dürfen heute erstmals in die WM eingreifen und um 21 Uhr gegen Kroatien antreten. Dürfen: das ist wohl die passende Wortwahl, um die brasilianische Gier nach ihrem Arbeitsgerät beschreiben zu können.

Tagelang hatten sie in ihrem Quartier im Taunus gewohnt und die Spiele vor den Fernsehern verfolgt. „Wann fängt endlich die WM an?“, hat Parreira gestöhnt. Auch die Spieler sind genervt. „Ich wünsche mir wie kein anderer, dass die WM anfängt. Mal schauen, ob wir dann über Fußball reden statt über die ganzen Dummheiten, die verbreitet worden sind“, sagt Ronaldo. Der Stürmer wurde zuletzt als „Disco-König“ und wegen vermeintlichen Übergewichts veralbert.

Zwar sind die Kroaten um Abwehrspieler Josip Simunic der Meinung, dass die kroatischen Fans „die Straßen Berlins regieren werden“ (was keine allzu gewagte These ist bei 11 600 Landsleuten zu 2100 Brasilianern in der Stadt). Auf dem Platz jedoch ist und bleibt Brasilien so lange Favorit, bis die Fachwelt irgendwann mal vom Gegenteil überzeugt wird. Trainer Parreira versucht, den Druck von den Spielern zu nehmen: „Wir haben keine Verpflichtung, den Titel zu gewinnen.“ Dabei muss er nur die tanzenden Fans vor seinem Berliner Hotel beobachten, um zu wissen, dass er mit seiner Aussage weit daneben liegt.

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