Die WM-Überraschung 1950 : Wie ein Student England schockte

1950 besiegten die USA bei der WM England mit 1:0. Auch heute gilt dieser Erfolg immer noch als einer der "größten Fußball-Kopfstände aller Zeiten".

Andreas Bock

Sein Tor hatte er gar nicht mehr gesehen, nicht mal das verdutzte Gesicht von Englands Keeper. Joseph Gaetjens lag nach seinem Kopfball mit dem Gesicht im Rasen und hörte nur noch den Jubel der 25 000 Menschen im Estadio Independencia von Belo Horizonte. Es lief die 37. Minute, die USA waren bis dato nicht einmal gefährlich vor Englands Tor gekommen, doch nun hatte Mittelfeldspieler Walter Bahr einen Ball mit dem Mute der Verzweiflung in den Strafraum gezimmert. Gaetjens hechtete in die Flugbahn. Einige sagen heute, sein Ohr hätte den Ball ins Tor gelenkt, andere behaupten, Gaetjens sei vier Meter durch die Luft geflogen und hätte dann mit dem Hinterkopf versenkt. Moderne Mythen.

Eigentlich war das US-Team bei der WM 1950 gegen England in der Hoffnung angetreten, sich nicht vollends zu blamieren. „Vielleicht kann ich sie bei vier oder fünf Toren halten“, hatte Torwart Frank Borghi noch vor dem Spiel gesagt. Kein Amerikaner spielte professionell Fußball, Gaetjens war Student und spielte für die USA, obwohl er Haitianer war. Nebenbei arbeitete er als Tellerwäscher. Walter Bahr war Lehrer, Borghi Leichenwagenfahrer. Andere arbeiteten als Postboten oder Beamte.

Die Nacht vor dem Spiel gegen den scheinbar übermächtigen Gegner aus England sollen die US-Boys in Rio de Janeiro durchgezecht haben. „Wir waren in mindestens zwölf Bars“, wird Gaetjens zitiert. Zum Spiel kamen sie mit Cowboyhüten und Zigarren im Mund. Die Buchmacher setzten die Quote fest – 1:500.

Doch US-Keeper Borghi vereitelte alle Großchancen – und wo er zu spät kam, halfen die Holzlatten. Englands Elf erstarrte spätestens nach Gaetjens Tor in Selbstherrlichkeit. Auch wegen dieser ungebrochenen Arroganz warf sich die Presse auf die Verlierer. Das deutsche „Sport-Magazin“ etwa verweigerte einen Spielbericht ob der Lächerlichkeit dieser Spielweise. Danach schwärmten die Schreiber aber doch vom „größten Fußball-Kopfstand aller Zeiten“ und einem „Torwart von kühnster Paradekunst“. In England indes glaubte die Presse an einen Übermittlungsfehler des Telegraphen. Sie druckte das Ergebnis 10:1.

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