Sport : Die Wucht der Defensive

Stuttgart formiert seine Abwehrreihe gegen Manchester – und die Polizei ihre Schnellgerichte

Oliver Trust

Stuttgart. Wirbelstürme oder Unwetter, vor denen sich ganze Landstriche fürchten müssen, sind in Baden-Württemberg eher unbekannt. Vor dem heutigen Duell in der Champions League zwischen dem VfB Stuttgart und Manchester United (20.45 Uhr, live in Sat 1) aber scheint es, als erwarte eine Stadt den herannahenden Sturm. Am Amtsgericht in Bad Cannstatt, dem Stadtteil, in dem das Gottlieb-Daimler-Stadion liegt, stellen die Justizbehörden Schnellgerichte zusammen, die randalierende Fans aus England sofort aburteilen sollen. Und in den Zeitungen wird immer wieder der wie eine Drohung wirkende Name eines Mannes präsentiert: Ruud van Nistelrooy, Stürmer von Manchester United. Wer kann ihn stoppen, fragen die Stuttgarter Fußballfreunde.

Die Antwort kommt prompt, aber sie enthält gewisse Zweifel. Vom „neuen magischen Abwehrdreieck“ ist die Rede, quasi die Defensivvariante der legendären Offensiv-Formation aus Giovane Elber, Fredi Bobic und Krassimir Balakow, um die die Stuttgarter in den Neunzigerjahren so beneidet wurden. Die Spieler des „neuen magischen Dreiecks“, die sich heute so fürsorglich um den Herrn van Nistelrooy kümmern sollen, tragen die Namen Zvonimir Soldo, Marcelo Bordon und Fernando Meira. Und dann erst dieser Torhüter! Timo Hildebrand ist in der Bundesliga seit 735 Minuten ohne Gegentor. Angesichts dieser Abwehrwucht spricht die „Bild“-Zeitung schon vom „Spätzle-Catenaccio“. Nun ist die Champions League aber doch etwas anderes, das haben die Stuttgarter gegen Glasgow Rangers zu spüren bekommen. Da gab es eine 1:2-Niederlage.

Stuttgarts Brasilianer Bordon hat nun betont, er habe „keine Angst“ vor van Nistelrooy. Der gehöre allenfalls zu den zehn besten Stürmern, aber „der beste“ sei er „keinesfalls“. In Stuttgart beten sie sich lieber die eigenen Stärken vor, und dann ist wieder die Rede vom „magischen Abwehrdreieck“. Am offensivsten spielt Kapitän Soldo, der vor Bordon und Meira im Mittelfeld agiert und sich in die Angriffe einschaltet. Obwohl der Kroate – „der alte Soldo“, wie Trainer Felix Magath ihn nennt, weil der Mann im November 36 Jahre alt wird – viele Gefahrenmomente bereinigt, bevor die Kollegen eingreifen müssen, hat vor allem das Duo Bordon/Meira den größten Leistungssprung hinter sich. Einst galten sie als Konkurrenten, die sich nicht besonders leiden konnten. Als Meira in der Winterpause 2002 nach Stuttgart kam, beeilte sich Bordon zu verkünden, er spiele lieber mit dem Kollegen Rui Marques an seiner Seite. Nun, Marques spielt heute nicht an dessen Seite, sondern überhaupt keine Rolle mehr. Bordon und Meira wohnten zwar in derselben Straße nebeneinander, fürchteten aber, vom jeweils anderen aus dem Team gedrängt zu werden. Heute treten die beiden fast wie Brüder auf. In der Hotellobby sitzen sie gemeinsam auf dem Sofa, schwatzen und warten auf die Abfahrt zum Trainingsplatz.

Differenzen zwischen den beiden sind zu vernachlässigen, sie sehen so aus: Der Portugiese Meira etwa hat nicht die tiefe Hingabe Bordons zum christlichen Glauben, sondern er ist eher der „Technikfreak“, der mit einem DVD-Player dem Team die neuesten Kinofilme vorführt.

In Stuttgart haben sie in den letzten Tagen vor allem viele Videos über Manchester angeschaut. Dabei wurde eines klar: Dem „magischen Abwehrdreieck“ fällt eine Schlüsselrolle zu, denn der übermächtig erscheinende Gegner aus England trumpft mit seinen Qualitäten im Sturm auf. Was vor allem Stuttgarts Trainer Felix Magath Mut macht, ist die Fähigkeit seiner Abwehrspieler Bordon (1,88 m) und Meira (1,90 m), nicht nur bei hohen Bällen die Übersicht zu behalten, sondern durch ihre Technik und Spritzigkeit einen Mann wie van Nistelrooy aufhalten zu können, der vergangene Saison 25 Ligatore und zwölf in der Champions League erzielte. „Alles basiert auf dieser Ordnung. Die erfahrenen Spieler leiten die jungen“, sagt Magath. Es gehört zu einer speziellen Vorbereitung, mehr über die Qualitäten des „magischen Dreiecks“ zu sprechen als über die Gefahr durch van Nistelrooy. Den Rest an Bedrohung müssen die Schnellgerichte am Flughafen erledigen.

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