Sport : Die Wüste läuft

Der Marathon durch die Westsahara verbindet ein sportliches Abenteuer mit humanitärer Hilfe

Friedhard Teuffel

Berlin - Einmal im Jahr macht Holger Finkernagel ein besonderes Entspannungsprogramm. Er rennt durch die Sahara. „Es ist unheimlich erholsam, durch die Wüste zu laufen“, sagt Finkernagel. Viermal ist der 63 Jahre alte Arzt in der Sahara schon Marathon gelaufen, einen Ultralauf über 200 Kilometer hat er dort auch schon bestritten, nach etwa 32 Stunden war er im Ziel. „Man sieht nur eine traumhaft schöne Ebene und kann sich mit dem beschäftigen, was in einem vorgeht. Nirgendwo sonst ist die Freiheit der Gedanken größer.“ Zurzeit reist Finkernagel durch Deutschland und sucht wieder Mitläufer für den Westsahara-Marathon am 27. Februar. Es ist nicht übertrieben, das als humanitäre Maßnahme zu bezeichnen, denn beim Westsahara-Marathon rennen die Teilnehmer nicht nur für sich alleine durch die Wüste.

Der Westsahara-Marathon ist die gelaufene Botschaft an das Volk der Saharauis, dass man sie nicht in der Wüste vergessen hat. Etwa 170 000 Saharauis leben in Flüchtlingslagern in der westalgerischen Sahara. Als sich die einstige Kolonialmacht Spanien 1975 aus der Westsahara zurückzog und Marokko und Mauretanien das Land besetzten, verloren viele Saharauis ihre Heimat. Sie überleben seitdem in Algerien mit Unterstützung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen und einiger Hilfsprojekte. Eines davon ist der Westsahara-Marathon, der im nächsten Jahr zum siebten Mal ausgetragen wird. Beteiligt ist daran auch die World Humanitarian and Ultramarathon Foundation, eine Organisation, die mit Sport Gutes tun will. Finkernagel ist ihr ehrenamtlicher Generaldirektor. „Läufer haben ein großes Herz“, sagt Finkernagel und meint das auch im übertragenen Sinn.

Erst kürzlich hat Finkernagel von einem Notruf der Welthungerhilfe erfahren. „Sie haben gesagt, dass das Geld ausgehe, um die Menschen in der Westsahara zu ernähren.“ Finkernagel hofft nun, dass der nächste Lauf im Februar insgesamt 100 000 Euro für die Flüchtlinge einbringt. Zum einen ist der Westsahara-Marathon ein Spendenlauf bei dem 150 Euro der etwa 1000 Euro für Reise und Teilnahme der Läufer aus Deutschland an Projekte für Bildung und Sportanlagen gehen. Bildung kann den Weg aus dem Lager erleichtern, die Sportanlagen können das Leben dort wenigstens etwas erträglicher gestalten.

Zum anderen setzt der Marathon auch Zeichen. Die Teilnehmer des Marathons wohnen für einige Tage in den Flüchtlingslagern in den Zelten mit saharauischen Familien zusammen. „Die Läufer teilen den Alltag mit den Menschen“, sagt Jamal Zakari, der Vertreter der Organisation Frente Polisario, die für die Unabhängigkeit der Westsahara kämpft. Diese Nähe zu den Menschen unterscheidet den Lauf zum Beispiel vom Marathon des Sables, bei dem die Teilnehmer in sechs Tagen 243 Kilometer durch die marokkanische Wüste laufen und damit auch Spenden sammeln für kranke afrikanische Kinder.

Die Saharauis leiden nicht nur unter Armut, sondern auch unter Perspektivlosigkeit. Fast zwei Drittel der Flüchtlinge sind jünger als 18 Jahre. Verschiedene Hilfsprojekte sollen den Flüchtlingen das Leben in den Lagern erleichtern, unter anderem eines, bei dem Frauen Rohstoffe und Recycling-Produkte kunsthandwerklich verwerten. „Es kann gut sein, dass wir in diesem Jahr unsere Medaille aus einem Kronkorken oder einem Flaschenboden bekommen“, sagt Wolfgang Hofmann vom Reiseunternehmen Lauftreffreisen in Düsseldorf, der die Tour für die deutschen Teilnehmer organisiert.

Er rechnet mit 400 Teilnehmern an den Läufen, darunter 50 aus Deutschland, die meisten kommen aus Spanien und Italien. Der Großteil der Teilnehmer läuft die Marathondistanz oder die Ultrastrecke von 160 Kilometern. Es werden jedoch auch Strecken über fünf und zehn Kilometer sowie ein Halbmarathon angeboten. Die Strecke verbindet die drei großen Flüchtlingslager der Saharauis in West-Algerien. Es sind meist feste Sandpisten, auf denen die Läufer durch die Wüste rennen, die Temperaturen liegen beim Start für den Marathon bei 15 Grad und beim Zieleinlauf in der Mittagszeit zwischen 30 und 35 Grad. Die trockene Hitze sei allerdings auch für die europäischen Läufer gut verträglich, sagt Wolfgang Hofmann. Italienische Organisatoren lassen den Teilnehmern große Wasservorräte aus Algerien anliefern. „Das Wasser in den Flüchtlingslagern ist für uns nicht trinkbar“, sagt Hofmann. Um die Laufgruppen der längeren Distanzen kümmern sich jeweils Begleitfahrzeuge.

Holger Finkernagel wird in diesem Jahr wieder die längste Strecke der Veranstaltung absolvieren, das sind diesmal 160 Kilometer. Er ist ein erfahrener Ultraläufer und hat auch schon einen Altersklassen-Weltrekord aufgestellt. Was er in der Wüste beim Laufen erlebt hat, das übertreffe aber noch einmal alles andere. „Wenn man sechs Stunden auf einen Punkt am Horizont zuläuft und der Punkt dennoch nicht näher kommt, ist das schon eine einmalige Erfahrung“, sagt der Arzt aus Bad Berleburg bei Siegen. Trotz großer organisatorischer Hindernisse und Strapazen hat sich der Westsahara-Marathon daher behaupten können. Finkernagel sagt: „Von denen, die einmal dabei waren, wollen 80 Prozent zum Laufen in die Sahara zurückkommen.“

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