Sport : Die Wunde des Tennis

Vor 20 Jahren wurde Monica Seles in Hamburg Opfer eines Attentats. Es wirkt bis heute nach.

Reinhard Sogl
Hamburg, 30. April 1993. Verletzt von einem Messerstich greift sich Monica Seles auf dem Platz an den Rücken, im Hintergrund wird der Attentäter überwältigt. Foto: p-a/dpa
Hamburg, 30. April 1993. Verletzt von einem Messerstich greift sich Monica Seles auf dem Platz an den Rücken, im Hintergrund wird...Foto: picture-alliance / dpa

Das Spiel hatte Monica Seles schon fast gewonnen. 6:4 und 4:3 führte sie gegen die Bulgarin Magdalena Maleewa. Noch einmal sollte es eine Pause geben, noch einmal Seitenwechsel in diesem Viertelfinale des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum. Seles, die beste Tennisspielerin der Welt, trank einen Schluck Wasser – dann schrie sie einmal vor Schmerz auf. Mit einem 22 Zentimeter langen Küchenmesser hatte ein Mann sie am Rücken verletzt. 20 Jahre ist der Angriff an diesem Dienstag her, bis heute sind die Folgen spürbar.

Der vergleichsweise kleine Schnitt – gut einen Zentimeter tief, etwa zwei Zentimeter lang – , den der damals 38 Jahre alte Steffi-Graf-Verehrer Günter Parche aus Thüringen der ihm verhassten Nummer eins zugefügt hatte, bedeutete eine Zäsur im Tennis. „Dass heute so hohe Sicherheitsstandards bei Turnieren herrschen, hat mit dem Attentat auf Seles zu tun“, sagt Markus Günthardt, der Direktor des WTA-Turniers in Stuttgart, und zählt auf: „Es dürfen nur akkreditierte Personen mit Foto auf dem Ausweis in gewisse Bereiche; Personen, die wegen Stalkings in einer Kartei gespeichert sind, dürfen gar nicht akkreditiert werden; wenn sich Spielerinnen außerhalb der Sperrzonen bewegen, ist immer Security dabei.“ Bodyguards an den Spielerbänken gehören ohnehin längst zu Turnieren wie Linienrichter und Ballkinder.

Mehr als ein Einschnitt war der Stich in den Rücken aber vor allem für die zum Zeitpunkt der Attacke 19 Jahre alte Serbin. Das Tranchiermesser trennte das Leben der bis dahin achtmaligen Grand-Slam-Siegerin in zwei Abschnitte. Die Wunde war wohl nach wenigen Wochen verheilt, vom psychischen Trauma aber erholte sich Monica Seles lange Zeit nicht. „Mir ist etwas Furchtbares zugestoßen, das meine Laufbahn unwiederbringlich in eine andere Richtung gelenkt und meine Seele ernsthaft verletzt hat. Im Bruchteil einer Sekunde wurde meine Persönlichkeit nachhaltig verändert“, schrieb Monica Seles in ihrer 2009 erschienenen Autobiografie „Getting a Grip“ („Halt bekommen“). Sie sollte jahrelang mit Dämonen kämpfen und gegen Esssucht, mit der sie vor allem nach dem Krebstod ihres Vaters Karoly auf ihre Depressionen reagierte.

In dem Buch beschreibt Seles auch das Geschehen an jenem milden Frühlingsabend am Rothenbaum. „Ich hatte den Becher kaum am Mund, als ich einen entsetzlichen Schmerz im Rücken spürte. Instinktiv drehte ich meinen Kopf in Richtung des Schmerzes und sah einen Mann mit Baseballmütze und einem boshaften Grinsen. Er hatte die Arme über den Kopf erhoben, seine Hände umklammerten ein langes Messer, und er wollte wieder auf mich einstechen. Ein paar Sekunden saß ich wie angewurzelt auf dem Stuhl, während der Angreifer von zwei Männern zu Boden gerungen wurde.“ Der Attentäter wurde festgenommen, Seles in die Universitätsklinik Eppendorf gebracht.

Beim Prozess gegen Parche verweigerte Monica Seles später Aussagen über den Heilungsverlauf, was mit dazu beitrug, dass die Strafe aus Sicht des Opfers viel zu gering ausfiel. Der Mann mit von Psychologen festgestellter „hochabnormer Persönlichkeitsstruktur und verminderter Steuerungsfähigkeit“, der nach mehreren Schlaganfällen heute in einem Pflegeheim in seiner Heimat lebt, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Mit dem Richterspruch, gegen den sie vergeblich in Berufung ging, konnte sich Seles ebenso wenig abfinden wie mit der gescheiterten Klage auf 24,4 Millionen Mark Schadenersatz gegen den Deutschen Tennis-Bund wegen vermeintlich mangelnder Schutzmaßnahmen.

Zwei Tage nach dem Anschlag erhielt Seles im Krankenhaus Besuch von Steffi Graf. Die Deutsche blieb nur kurz und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass sie sich aufs Finale vorbereiten müsse. „Ich war bestürzt. Das Turnier lief weiter, als ob nichts geschehen wäre.“ Sie habe angenommen, dass es abgebrochen worden war. „Das war eine harte Lektion über das Tennisbusiness: Eigentlich geht es nur ums Geld“, schrieb Seles. Aus Verbitterung über verspürtes Unrecht schwor sie, nie wieder nach Deutschland zu kommen.

Das Gelübde hielt die Linkshänderin, die bis zum Messerstich 19 Monate die Nummer eins war, bis heute aufrecht. Sie verzichtete auch 2001 auf das WTA-Finale in der Münchner Olympiahalle. Drei Jahre nach dem Drama vom Rothenbaum war sie in den Tenniszirkus zurückgekehrt, 1996 gewann sie noch einmal die Australian Open und danach mehr als 20 Turniere. 2003 spielte Seles bei den French Open ihr letztes Profimatch, ehe sie fünf Jahre später offiziell zurücktrat.

Ihre Biografie habe sie zum einen aus therapeutischen Zwecken geschrieben, erklärte Seles. Zum anderen war es ihr Anliegen, Mädchen und Frauen mit Essstörungen zu helfen. Schreiben ist der Frau, die in Florida lebt, zum Bedürfnis geworden. Im Juni erscheint ein neues Buch der in Nick Bollettieris Tenniscamp großgezogenen Seles, diesmal ein Roman, der in einer Akademie für junge Sportler spielt. Personen und Handlungen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit dem realen Leben aber bestimmt nicht zufällig.

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