Sport : Die Wut des Enttäuschten

Fabian Hambüchen scheitert bei der Turn-WM am Reck und hofft nun auf Sprung und Mehrkampf

Jürgen Roos[Aarhus]

Fabian Hambüchen versuchte sein schelmisches Lächeln aufzusetzen. „Schade, was?“, sagte der 18-Jährige – und gab sich Mühe, ruhig zu wirken. Irgendwie machte Hambüchen den Eindruck, als wolle er die umstehenden Turner, Funktionäre und Journalisten trösten. Trösten dafür, dass er gerade durch seinen Sturz im Qualifikationswettkampf seine bisher größte Chance vergeben hatte, zumindest in die Nähe der ersten WM-Medaille seines Lebens zu kommen. Dass er selbst Trost nötig hatte, zeigte diese Szene: Nachdem Fabian Hambüchen die Interviews überstanden hatte, verschwand er an der Seite seines Onkels Bruno in den Katakomben der NRG-Arena – Bruno Hambüchen ist für die psychologische Betreuung seines Neffen zuständig.

Fabian Hambüchen war in Aarhus am Reck mehr als ein Geheimfavorit gewesen, nachdem der Europameister von 2005 in der Vorbereitung schon einmal die Weltklassenote von 16,35 Punkten erreicht hatte. Aber exakt 13 Sekunden, nachdem der deutsche Cheftrainer Andreas Hirsch ihn ans Reck hinaufgehoben hatte, war das Unglück passiert: Nach dem Kovacs-Salto mit ganzer Schraube, einem Flugteil der höchsten Schwierigkeitsstufe, erwischte er die Stange nicht optimal, die Schwerkraft tat ihr Übriges. Statt an beiden Händen zu hängen, stand Hambüchen plötzlich auf beiden Füßen. Und das kostete ihn etwa einen Punkt, obwohl er seine Kür im zweiten Anlauf fehlerfrei durchbrachte.

Eigentlich war das nur der erneute Beweis dafür, dass Turnen bisweilen eine Sache von Millimetern ist. „Das Timing hat nicht gestimmt“, sagte Hambüchen, „ich war einen Tick zu spät dran“. Was nützte da das Wissen, dass er den Kovacs-Salto sonst im Schlaf beherrscht? Wolfgang Hambüchen, Vater und Trainer des Turners, plädierte am Tag danach dafür, die Sache emotionslos zu sehen. Er habe gut schlafen können nach dem zwischenzeitlichen Absturz seines Sohnes. Weil der zum Beispiel im Mehrkampf schon fast an die Weltklasseleute aus Japan und China herankommt (Finale am Donnerstag) – und weil Fabian Hambüchen zudem im Sprungfinale am Samstag steht. Das Turnerleben geht weiter.

Nicht korrekt ist außerdem, die WM auf Fabian Hambüchen zu reduzieren. Denn der Wetzlarer war nur einer von sechs Deutschen, die sich als Mannschaft in blendender Verfassung präsentierten. Dass sie sich als Sechster für das Finale der besten acht Teams qualifizierten, „das haben wir lange nicht gehabt“, sagte Hirsch. Und der kleine Cheftrainer konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Er war Risiko gegangen, die beiden 19-Jährigen Philipp Boy (Cottbus) und Marcel Nguyen (Unterhaching) zu nominieren. Doch im heutigen Finale können die Deutschen sogar unbeschwert die vor ihnen liegenden Kanadier angreifen.

Womit die Richtung vorgegeben ist: Bei der 2007 in Stuttgart stattfindenden WM möchten die Deutschen nicht schon wieder um die Olympiateilnahme zittern müssen, Platz zwölf ist dann Pflicht. Nach jetzigem Stand wird das kein Problem werden. Das sieht auch der Turnerbund-Präsident Rainer Brechtken so, der seit Wochen den Aufschwung predigt. Freilich: Brechtken hätte sich zur Illustration dieses Trends eine WM-Medaille gewünscht, die nun unwahrscheinlich geworden ist. Andererseits: Manche glauben, dass Fabian Hambüchen mit der Wut über das verpasste Reckfinale im Bauch im Mehrkampf und beim Sprung zu allem fähig ist.

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