Die Zukunft der DFB-Frauen : Zusammenbruch ohne Umbruch

Das Gesicht des deutschen Teams wird sich erst einmal wenig ändern – dabei muss Silvia Neid fast zwei Jahre auf den nächsten Höhepunkt warten

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Vergangenheit und Zukunft.
Vergangenheit und Zukunft.Foto: dapd

Der graue Alltag wird die deutschen Fußballerinnen spätestens am 17. September einholen. Nach der riesigen Aufmerksamkeit rund um die WM und dem frühen Aus im Viertelfinale beginnt dann die Qualifikation für das nächste Turnier, die Europameisterschaft 2013 in Schweden. Titelverteidiger Deutschland startet mit einem Heimspiel gegen die Schweiz, die weiteren nicht gerade attraktiven Gegner in der Gruppe 2 sind Spanien, Rumänien, Kasachstan und die Türkei. Vermutlich wird die deutsche Mannschaft dabei der aktuellen WM-Auswahl stark ähneln, allein Birgit Prinz und Ariane Hingst haben ihren Rücktritt erklärt. „Von mehr Spielerinnen, die aufhören wollen, weiß ich jetzt nicht“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid. „Wir müssen keinen großen Neuaufbau machen, wir brauchen keinen absoluten Umbruch.“

Angerer will weiter spielen

Die 21 Spielerinnen in Neids WM-Aufgebot waren im Schnitt 25,95 Jahre alt, dazu gehörten ältere Spielerinnen wie Inka Grings (32 Jahre), Nadine Angerer (32), Martina Müller (31) und Kerstin Garefrekes (31), aber auch Nachwuchskräfte wie die 20 Jahre alte Alexandra Popp. Einzige wirklich junge Stammspielerin war die 21-jährige Kim Kulig, die nach ihrem im Viertelfinalspiel gegen Japan erlittenen Kreuzbandriss aber rund sechs Monate ausfällt. Dafür wird die hoch talentierte Frankfurterin Dzsenifer Marozsan schon bald zurückkehren, die 19 Jahre alte Offensivspielerin hatte sich kurz vor der Weltmeisterschaft im Trainingslager einen Innenbandriss im Knie zugezogen. Popp, Kulig und Marozsan sowie Außenverteidigerin Bianca Schmidt und und die dritte WM-Torhüterin Almuth Schult waren 2010 gemeinsam U-20-Weltmeister geworden. Der Kern dieses Team dürfte mittelfristig auch den Stamm der A-Nationalmannschaft bilden.

Die meisten deutschen Spielerinnen hatten direkt nach dem bitteren Ausscheiden noch keine Lust, öffentlich über ihre Zukunft nachzudenken. Allein Nadine Angerer stellte klar, dass sie nicht die Absicht hat, ihren Platz im deutschen Tor zu räumen: „Ich denke nicht ans Aufhören, jetzt erst recht nicht.“ Auch die 47-jährige Neid wird im Amt bleiben, ihr Vertrag mit dem deutschen Fußball-Bund läuft noch bis 2016. Bevor sie ihre Arbeit wiederaufnimmt, will sich die Bundestrainerin eine kleine Auszeit nehmen, um das für sie so enttäuschende und abrupte Ende Weltmeisterschaft zu verdauen. „Wir werden uns im Trainerteam nach ein, zwei Wochen zusammensetzen und alles noch einmal genau Revue passieren lassen“, sagte Neid. „Wir haben mehr als eineinhalb Jahre Zeit, um uns auf die EM vorzubereiten. Wir werden es so machen wie immer und auch junge Spielerinnen integrieren.“

Die U19 wurde in Italien Europameister

Nachwuchsprobleme hat der Deutsche Fußball-Bund jedenfalls nicht. Die deutsche U-19-Auswahl wurde in Italien gerade Europameister, im Finale gab es dabei sogar ein überdeutliches 8:1 gegen Norwegen. Der norwegische Trainer Jarl Torske sprach hinterher von einer „schrecklichen Erfahrung“. Die deutsche U-19-Kapitänin Ramona Petzelberger ist in der Bundesliga längst Stammspielerin beim SC Bad Neuenahr 07, ihr könnte schon bald der Sprung in den Kader der A-Nationalmannschaft gelingen. DFB-Nachwuchstrainerin Maren Meinert jedenfalls hat einen kurzen Draht zu Silvia Neid: Die 37 Jahre alte langjährige Nationalspielerin gehörte auch bei der A-Weltmeisterschaft zum deutschen Betreuerstab und half im Training sogar als Spielerin aus, wenn der Kader aufgrund von Verletzungen ausgedünnt war.

Neids Mannschaft steht nun eine längere Zeit ohne Höhepunkt bevor, Deutschland hat durch das WM-Aus im Viertelfinale die Olympischen Sommerspiele verpasst. In London wird der Olympiasieger lediglich in einem Zwölfer-Feld ermittelt, aus Europa werden die beiden WM-Halbfinalisten Frankreich und Schweden sowie Gastgeber Großbritannien am Turnier teilnehmen. Aus deutscher Sicht mag man es als ungerecht empfinden, dass sich zwei südamerikanische und zwei afrikanische Teams qualifizieren, ändern kann man es aber nicht. Auch bei der Europameisterschaft in Schweden starten nur zwölf Mannschaften, die Qualifikation dürfte den deutschen Fußballerinnen trotzdem gelingen. Möglicherweise erfolgt der Umbruch nach diesem EM-Turnier, Stammspielerinnen wie Garefrekes oder Angerer haben dann wohl ihren Leistungszenit überschritten. Zumal die WM 2015 deutlich strapaziöser wird: In Kanada treten 24 statt bisher 16 Mannschaften an, die Anzahl der Turnierspiele erhöht sich von 32 auf 52,

So weit will die Bundestrainerin aber noch nicht denken. „Das oberste Ziel muss jetzt sein, bei der EM so weit wie möglich zu kommen“, sagte Silvia Neid. „Aber eines muss uns doch klar sein: Es ist nicht leicht, Titel zu holen. Das hat diese WM gezeigt.“

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