• Die Zukunft des Eiskunstlaufs - Sprungteufel Pluschenko arbeitet schon an noch atemberaubenderen Kombinationen

Sport : Die Zukunft des Eiskunstlaufs - Sprungteufel Pluschenko arbeitet schon an noch atemberaubenderen Kombinationen

Jutta Deiss

Wenn Jewgeni Pluschenko in seinen Programmen die Kufe seines Schlittschuhs in die Hand nimmt, das Bein rückwärts hoch über den Kopf zieht und sich auf der Stelle wie ein Brummkreisel dreht, dann fangen die Teenager an zu kreischen. Es ist diese Pirouette, die die ehemalige Schweizer Weltmeisterin Denise Biellmann weltberühmt gemacht hat - und die außer Pluschenko kein männlicher Eiskunstläufer auf der Welt beherrscht. Allerdings hat er nicht die geringste Neigung, die Schweizer Pirouettenkönigin als Vorbild zu nennen. 17-jährige Möchtegern-Mannsbilder haben keine Enddreißigerinnen vor Augen, wenn sie ihre Karriere starten. "Ich habe die Pirouette bei einem Mädchen in Russland im Training gesehen. Das hat mir gefallen, und da habe ich sie halt geübt."

Nun hat Pluschenko zwar den Beinamen "Mister Biellmann" in seiner sportlichen Biografie, aber sein wichtigstes Markenzeichen ist die Sprungkraft. Mit der Präzision einer computergesteuerten Maschine setzt der St. Petersburger die Akzente: vierfache Toeloops und dreifache Axel landet er in atemberaubenden Kombinationen ohne Wackler. Und wenn er von der Herausforderung des Eiskunstlaufs spricht, dann redet er in mathematischen Formeln. Ja, er arbeite an Vierfach-Vierfach-Kombinationen. "Die Chinesen tun das auch schon."

Der blonde Haarschopf deckt die schmalen Augen fast zu, und nur selten huscht ein Lächeln über das Gesicht des Teenagers, der mit fast schon verbissenem Ehrgeiz eine große Karriere auf Schlittschuhen plant. Die Flausen eines Spaßvogels, sagt sein Trainer Alexei Mischin, habe er jetzt hinter sich. Eine Wohnung "für meine Familie" will Pluschenko kaufen. So viel Verantwortungsbewusstsein wächst aus der Biografie von Menschen, für die die engsten Vertrauten Opfer gebracht haben. Als er elf Jahre alt war, trennte sich die Familie fürs Fortkommen des talentierten Sohnes: Die Mama zog mit Jewgeni nach St. Petersburg um, weil in Wolgograd die Eisbahn geschlossen wurde. Der Papa, ein Tischler, blieb mit der Schwester allein zurück.

In St. Petersburg stellte sich Pluschenko, zu allem entschlossen, dem Startrainer Alexei Mischin vor. Der schwärmte später: "Achtet auf Pluschenko, er ist die Zukunft des Eiskunstlaufs." Mit 14 Jahren war er Junioren-Weltmeister, und als der andere Mischin-Schüler, Alexei Jagudin, 1997 seine erste (bronzene) WM-Medaille gewann, ahnte er schon, dass der Kollege wohl bald über ihn hinauswachsen würde.

Jagudin verließ damals Trainer Mischin, um bei dessen Kollegin Tatjana Tarassowa den Feinschliff für die künstlerische Choreografie zwischen den perfekten Sprüngen zu lernen, "weil Sprünge allein nicht reichen, um an die Spitze zu kommen". Dieser Jagudin wurde danach zweimal Europa- und zweimal Weltmeister. Nun holte ihn tatsächlich dieser Springteufel vom Thron. Ein kleiner Wackler beim dreifachen Salchow und ein nicht ganz so mitreißendes Programm kosteten ihn den dritten Titel, obwohl der 19-Jährige der reifere und ausdrucksvollere Läufer ist.

Mischin aber verzeiht es nicht, wenn man seine Eitelkeit verletzt und ihn verlässt. Also stichelte er mit feinen Floretthieben am Abend nach dem Triumph seines Paradeschülers Pluschenko gegen den ehemaligen Schützling, der inzwischen in Amerika lebt. Einen Clown habe Jagudin im vergangenen Jahr gemimt, und das sei er noch immer. Mischin genoss die köstliche Stunde des Sieges. Nebenan gab der entthronte Meister zu verstehen, dass man Souveränität und Größe mit einer Niederlage nicht verliert. Jagudin bettete seine Kampfansage in ein charmantes Lächeln: "Er werde jetzt wieder das trainieren, was er wegen seiner Verletzung unterbrechen musste: vierfach/vierfach ...

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