Sport : Die Zukunft ist eine Baustelle

Das Wembley-Stadion soll eine neue Ära einläuten – doch die Eröffnung verzögert sich weiter

Matthias Thibaut[London]

Es hätte der Traum der englischen Fußballfans werden können: Das erste Spiel nach der Fußball-Weltmeisterschaft, England schlägt Deutschland im neuen Wembley-Stadion, und im Spiel eins nach Beckham läutet die englische Nationalmannschaft eine neue Ära ein.

Das Stadion sollte ursprünglich im Mai beim englischen Pokalfinale eingeweiht werden. Die Begegnung England – Deutschland war dort für gestern geplant. Stattdessen stockte der Bau des Stadions und die Nationalmannschaften mussten ausweichen. England spielte in Manchester gegen Griechenland und Deutschland in Gelsenkirchen gegen Schweden (bei Redaktionsschluss noch im Gange). Nun ist angedacht, das Wembley-Stadion mit dem englischen Pokalfinale im nächsten Jahr zu eröffnen. Doch die Baufirma Multiplex will den Termin nicht garantieren: Das Millennium-Stadion in Cardiff hält sich den Termin frei – sicher ist sicher.

Seit fast zwei Jahren ist der 133 Meter große, weiße „Triumphbogen“ des Stadions in Nordwest-London von überall zu sehen. Die Konstruktion trägt das Stadiondach, ohne dass eine einzige Säule im Weg ist und die Sicht versperrt. Die Tore sind seit Monaten aufgebaut, der heilige Rasen ist gelegt und wird trotz Wassermangels in London kräftig gesprengt.

Das erste Pokalfinale im alten Wembley-Stadion fand am 28. April 1923 statt. Da war das neue „Empire Stadion“, wie es ursprünglich hieß, noch gar nicht eingeweiht. Bolton schlug West Ham 2:0. Aber das Spiel konnte erst mit 45 Minuten Verspätung beginnen. So lange brauchte berittene Polizei, um die begeisterte Menge hinter die Seitenlinien zurückzudrängen.

Beim letzten Spiel im wohl legendärsten Stadion der Fußballgeschichte ging es sittsamer zu. Nach dem Spiel im Oktober 2000 wurde ein Feuerwerk abgebrannt, obwohl Deutschland die Engländer 1:0 besiegt hatte. Nach dem letzten Spiel dauerte es fast zwei Jahre, bis das Stadion abgerissen wurde. Pannen und Pleiten verzögerten das Projekt von Anfang an. Die Regierung musste mit 120 Millionen Pfund einspringen, um den britischen Fußballverband FA als Bauträger des neuen Stadions zu gewinnen. Es wurde gestritten, ob die historischen „Zwillingstürme“ des alten Stadions überhaupt abgerissen werden durften. Dann wurde debattiert, ob das Fußballstadion nicht auch für die Leichtathletik ausgerüstet werden müsse.

Fertig werden sollte das neue Wembley-Stadion im Januar. Doch musste Multiplex zugeben, dass man bei den Fundamenten den falschen Beton benutzte. Im März brach ein Träger des neuen Stadiondaches plötzlich ab und 3000 Bauarbeiter mussten in Sicherheit gebracht werden. Das Dach hielt, aber danach gab es bei der Verkabelung der Technik im Informationszentrum Schwierigkeiten.

Dass nun auch die Firma insolvent ging, die mit dem Einbau der neuen Sitze beauftragt war, ist so gesehen keine Katastrophe mehr. Immerhin sind 80 000 der 90 000 Sitze schon eingebaut. Die Kosten liegen derzeit bei 767 Millionen Pfund und dürften eine Milliarde (1,47 Milliarden Euro) übersteigen. Rechtsstreitigkeiten zwischen der Baufirma, den Bauträgern und etlichen zwischendurch insolvent gegangenen Firmen haben schon begonnen und können die Eröffnung weiter verzögern.

Wenn es fertig ist, wird es jeden Penny wert sein, schwört Architekt Norman Forster. Es sei das komfortabelste Stadion der Welt, doppelt so hoch wie das alte und doch so intim und atmosphärisch. Sogar die Zahl der Toiletten stieg – um mehr als das Siebenfache, auf 2618.

„Wer das Stadion einmal gesehen hat, wird es nie mehr vergessen. Wie die berühmten Zwillingstürme ein Symbol für die Vergangenheit waren, wird der neue Bogen ein Symbol für die Zukunft“, sagt Foster. Noch müssen die englischen Fans aber auf ihre Zukunft etwas warten.

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