Sport : Die Zukunft kann kommen

Dortmunds Sanierungskonzept wird von den Anteilseignern genehmigt – nun fehlt nur noch die Lizenz

Thomas Knüwer,Felix Meininghaus[Dü]

Wenn die Uhr 15.29 anzeigt, setzt sich der gewöhnliche Fußballbundesliga-Funktionär auf seinen Stadionsitz, eine Minute ist es dann noch bis zum Anpfiff. Reinhard Rauball, Präsident von Borussia Dortmund, sitzt auch, gestern um 15 Uhr 29. Sein Blick richtet sich an die Decke der Halle, die der Düsseldorfer Flughafen „Eventterminal“ nennt. Sekunden später springt Rauball auf, zeigt die Faust, dreht sich um, applaudiert mit über dem Kopf erhobenen Händen.

Gerade ist die wichtigste Entscheidung in der Geschichte seines Klubs gefallen. Mit einer nicht erwarteten Mehrheit haben die Anteilseigner des Immobilienfonds Molsiris, dem das Westfalenstadion gehört, einem Sanierungspaket zugestimmt. Ohne diese Maßnahme hätte der BVB heute wohl Insolvenz angemeldet. 94,43 Prozent ist die Zahl, die Rauball sofort nach Dortmund sendet. Dort wartet Michael Meier, einer der beiden Geschäftsführer von Deutschlands einzigem börsennotierten Fußballclub, auf die erlösende Nachricht. In Düsseldorf spricht der nach dem ersten Freudenausbruch sichtlich gezeichnete Rauball vom „Schlimmsten, was ich bisher erlebt habe“ und macht deutlich, dass bei einer Ablehnung nicht nur die KGaA Insolvenz hätte anmelden müssen, „sondern auch der Verein in diesen Strudel hineingezogen worden wäre“.

Auch BVB-Manager Michael Zorc atmet auf. „Wir sind sehr erleichtert. Jetzt können wir uns wieder auf unser Kerngeschäft Fußball konzentrieren.“ Dortmunds Torwart-Legende, der 69-jährige Hans Tilkowski, verkündet: „Die Freude kann nicht groß genug sein. Diese Entscheidung ist viel wichtiger als unser Weltpokalsieg.“ Der umstrittene Großaktionär Florian Homm sagt: „Für uns ist das ein großer Tag. Ich habe mich bei den Gläubigern für ihre Weitsicht bedankt.“ Auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) zeigt sich erleichtert. In einer offiziellen Mitteilung heißt es: „Die Zustimmung zur teilweisen Rücknahme des Stadionverkaufs wird von uns begrüßt.“

Um zehn Uhr hatte die Versammlung begonnen, bei der die Anteilseigner über den von der Borussia Dortmund KGaA vorgelegten Antrag berieten und abstimmten. Der Fonds der Commerzbank-Tochter Commerzleasing hatte vor zwei Jahren das Westfalenstadion vom BVB erworben, um die WM-Spielstätte über Jahre hinweg an den Klub zurückzuleasen. Nun bat der in existenzielle Not geratene Börsenklub die 5800 Anteilseigner um ihre Zustimmung zu einer Stundung der Raten für die Jahre 2005 und 2006. Außerdem ging es darum, das als Sicherheit hinterlegte Bardepot von 52 Millionen Euro anzuzapfen, um 42,8 Prozent des Stadions vorzeitig zurückzuerwerben und neun Millionen Euro freizubekommen, um die sofortige Zahlungsunfähigkeit zu verhindern.

Rauball hatte vom „Schicksalstag für den Verein“ gesprochen. „Wir brauchen eine tilgungsfreie Zeit, sonst haben wir keine Luft zum Atmen.“ Der Vereinschef und seine Kollegen hatten die Investoren dann gestern in Düsseldorf in langen Ausführungen überzeugen können. Tatsächlich war vor Beginn des wichtigen Meetings von einem Erfolg nicht auszugehen gewesen. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bezifferte die Chancen auf eine Zustimmung mit „fünfzig Prozent“. Dass Michael Meier nicht in Düsseldorf war, wurde offiziell damit begründet, dass der Geschäftsführer die Lizenzunterlagen für die Saison 2005/2006 vorbereiten müsse. Die Papiere müssen heute bei der DFL eingereicht werden. Wahrscheinlich aber wollten die Funktionäre Meier in Wirklichkeit ein Spießrutenlaufen ersparen. Denn die Wut der Anleger war und ist groß. Schließlich hatten Meier und der inzwischen zurückgetretene Vereinspräsident Gerd Niebaum die Investoren mit der Aussicht auf satte Renditen zum Zeichnen der Fondsanteile animiert.

Das Dilemma beschrieb einer der Anteilseigner vor der Versammlung so: „Wir müssen uns hier zwischen einer miesen und einer schlechten Alternative entscheiden.“ Am Ende war es nicht nur der Blick in die Geldbörse, sondern auch in die Herzen, der die Entscheidung beeinflusste. So wie Franz Schreiber aus Soest, Fonds-Zeichner und BVB-Fan, werden viele gedacht haben: „Ich verzichte auf einen Teil meiner Rendite, aber das ist allemal besser, als wenn dieser Traditionsverein stirbt.“

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