Sport : Die Zukunft verpfändet

Hertha sucht immer neue Quellen für frisches Geld – und riskiert dabei zu viel, sagen Kritiker

Michael Rosentritt

Berlin - Hertha BSC stehen turbulente Tage ins Haus. Der für Finanzen zuständige Geschäftsführer Ingo Schiller sprach unter öffentlichem Druck am Montag von 30 bis 35 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Schon kommenden Montag droht dem Verein erneut Ärger. Für die Mitgliederversammlung liegen Anträge zur Tagesordnung vor. So fordert Wirtschaftsprüfer Otto Schulz, den Vereinsmitgliedern einen Konzernabschluss auszuhändigen. Der Beweggrund für Schulz ist klar: Hertha BSC habe sich durch die Errichtung der Kommanditgesellschaft auf Aktien und die Gründung diverser Tochtergesellschaften – etwa der Hertha BSC Infrastruktur GmbH oder der Hertha BSC Rechte GmbH & Co. KG – ein Firmengeflecht geschaffen, das von der Mitgliederversammlung nicht durchschaubar ist. „Wir wollen auch die Bilanzen der Tochtergesellschaften sehen“, sagt Schulz.

Kritische Mitglieder befürchten waghalsiges Finanzgebaren. So bemängelte Schulz mehrfach fehlende Transparenz; der Berliner Fußball-Bundesligist habe in den vergangenen Jahren die Bilanzen besser dargestellt, als sie tatsächlich sind. Der unabhängige Wirtschaftsprüfer hatte sich Herthas Bilanzen im Handelsregister besorgt und bewerten lassen. Sein Schluss: Hertha hat erhebliche Liquiditätsprobleme. Herthas Manager Dieter Hoeneß sagte am Montag dazu: „Wir haben die Situation nie rosarot gemalt.“ Schulz dagegen fordert eine „Analyse der Vergangenheitswerte, weil sie wichtig sind, um die aktuellen Probleme des Verein zu verstehen“. Der wesentliche Vorwurf einer Gruppe besorgter Mitglieder: Es sind hohe Verluste finanziert worden durch den Zugriff auf künftige Einnahmen.

Die drei Geschäftsjahre zwischen 2001 und 2004 schloss Hertha insgesamt mit einem Minus von rund 16 Millionen Euro ab. Da die finanzielle Situation angespannt war – bei Hertha lag eine bilanzielle Überschuldung vor –, bediente sich der Verein ähnlicher Instrumente wie die hoch verschuldeten Vereine Borussia Dortmund und FC Schalke: so genannter „Signing fees“ und „Sale-and-lease- back“-Geschäfte. So schloss Hertha mit Hauptsponsor Arcor (bis 2006) und Ausrüster Nike (bis 2009) langfristige Verträge. Ein Großteil der Gesamtsummen war als „Signing fee“ direkt nach Vertragsunterzeichnung gezahlt worden. Hertha bekam auf einen Schlag viel Geld, doch während der Vertragslaufzeit kommt fast nichts mehr.

Ein ähnliches Problem birgt ein „Sale- and-lease-back“-Geschäft. So hatte Hertha 2003 die Rechte an Logen, Skyboxen und Business-Seats im Olympiastadion veräußert. Hertha nahm 15 Millionen Euro ein, muss dafür aber bis 2010 an die „AGV Vermarktungsrechte Vermietungsgesellschaft“ Leasing-Raten bezahlen, rund vier Millionen jährlich. Um an frisches Geld zu gelangen, hatte Hertha zudem den Vertrag mit Vermarktungspartner Sportfive in aller Stille verlängert. Der alte Vertrag lief noch bis 2009, verlängert wurde er aber im Oktober 2004 bis 2014. Hertha gab das erst fünf Monate nach der Vertragsunterzeichnung bekannt.

Die vorab gezahlten „Signing fees“ bezeichnete Herthas Finanzchef Schiller als „branchenübliche Instrumente“. Auf diesen Wegen nahm Hertha in den Geschäftsjahren 2002/03 und 2003/04 rund 36 Millionen Euro ein, die als „aperiodische Beträge“ gebucht wurden. Kritische Vereinsmitglieder werfen den Verantwortlichen vor, dass sie einen riskanten Vorgriff auf die Zukunft getätigt hätten. Hertha habe mit den Einnahmen hohe Verluste vergangener Jahre finanziert. „Die Zukunft wurde verkauft“, sagt Schulz. Ein Teil der Geldmenge, die sich Hertha für die Vertragsabschlüsse ausbezahlen ließ, fehle jetzt. „Dadurch wird sich die Einnahmesituation auf Sicht nicht nachhaltig verbessern und hat sich der Handlungsspielraum verengt“, sagt Schulz.

Deshalb verhandelt Hertha wegen einer 35-Millionen-Anleihe beim Londoner Finanzmakler Stephen Schechter, die in einem Zeitraum von 13 bis 17 Jahren zurückgezahlt werden soll. Dafür könnte Hertha die Verbindlichkeiten ablösen, müsste aber einen Teil der Zuschauereinnahmen verpfänden, was wiederum künftig zu Einnahmeeinbußen führen würde. Herthas kurzfristige Verbindlichkeiten belaufen sich auf rund 18 Millionen Euro. Zur Sicherung dieser Kredite musste Hertha mögliche Transfererlöse einiger Spieler wie etwa Marcelinho, Friedrich und Simunic als Sicherheiten an zwei Banken abtreten. Hoeneß: „Es ist doch völlig normal, wenn man Banken gegenüber Sicherheiten geben muss. Bei einem Fußballverein sind das die Erlöse aus möglichen Transfereinnahmen.“

Hoeneß sagt, dass die Verbindlichkeiten den sinkenden TV-Erlösen wegen der Kirch-Krise (angeblich zwölf Millionen) und der Sanierung des Olympiastadions (15 Millionen Euro durch Zuschauereinnahmen) geschuldet sind. Doch selbst in der Umbauphase war das Stadion bei einer Kapazität von 55 000 Plätzen selten ausverkauft. Der Schnitt der Saison 2002/03 lag nach Hertha-Angaben bei 42 138. Nach Fertigstellung des Stadions stieg er in der vergangenen Saison auf 43 517 (Quelle: Kicker) unwesentlich.

Ein vor Monaten an Herthas Aufsichtsratschef Rupert Scholz geschriebener Brief der Kritiker blieb bis heute unbeantwortet. Sie werfen dem Aufsichtsrat vor, nicht kontrolliert, sondern die Geschäfte gedeckt zu haben. Mit seinen Äußerungen wie „es geht uns gut“ und „die Lage ist absolut nicht dramatisch“ hätte Scholz die Öffentlichkeit im Unklaren über die tatsächliche Situation gelassen. Dabei kennen die Mitglieder des Aufsichtsrates sämtliche Details. Sie müssen jeder Verbindlichkeit ab 50 000 Euro zustimmen.

Der Ältestenrat des Vereins zeigte sich in einem Gespräch mit der Gruppe um Otto Schulz interessiert und aufgeschlossen gegenüber den Befürchtungen. Der Ältestenrat schlug vor, sich im Vorfeld der Mitgliederversammlung mit den relevanten Vereinsgremien zu treffen. Dazu ist es bis gestern nicht gekommen.

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