Sport : Die zwei Seiten der Medaille

Deutschlands Basketballer hoffen nach der EM auf bessere Zeiten beim Nachwuchs und in der Bundesliga

Benedikt Voigt[Belgrad]

Irgendetwas störte Marko Pesic, als die Fotografen in der Belgrad-Arena die ersten Gruppenfotos schießen wollten. Aufgeregt zeigte der deutsche Basketball-Nationalspieler nach rechts auf die Tribüne und winkte. Als nichts passierte, rannte er los und nutzte die Kraft seiner Silbermedaille und seiner jugoslawischen Herkunft, um die verletzten Nationalspieler Ademola Okulaja, Stefano Garris und Steffen Hamann durch die Sperre der grimmigen Ordner auf das Spielfeld zu holen. Jetzt erst war das Foto komplett.

Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die bei der Basketball-EM 2005 Silber gewonnen hat. Zwar gingen dem deutschen Team im Finale gegen Griechenland (62:78) die körperlichen und mentalen Kräfte aus, doch das störte bereits kurz nach dem Spiel nur noch wenige. „Der Europameistertitel wäre zu viel gewesen für uns“, sagte Pesic. Die Mannschaft feierte in Belgrad ausgiebig den zweiten Platz. „Die lassen jetzt richtig die Sau raus“, sagte Bundestrainer Dirk Bauermann, „da geht keiner schlafen.“ Diese Mannschaft hat nach dem vierten Platz bei der EM 2001 in der Türkei und Bronze bei der WM 2002 in Indianapolis ihren bisher größten Erfolg erreicht. „Silber ist immer besser als Bronze“, sagte Dirk Nowitzki.

Der deutsche NBA-Spieler hat eine überragende Europameisterschaft gespielt und wurde nach seiner Auswechslung im Finale von den 19 000 Zuschauern mit Sprechchören gefeiert. Bei der Siegerehrung konnte er gleich in der Mitte stehen bleiben, weil er ständig ausgezeichnet wurde: als wertvollster Spieler, als bester Werfer (durchschnittlich 26,1 Punkte) und als einer der besten fünf Spieler des Turniers. „Dirk Nowitzki ist unglaublich, er wird jedes Jahr noch besser“, sagte die serbische Basketball-Legende Vlade Divac.

Dem Deutschen Basketball-Bund bringt der sensationelle Erfolg von Belgrad Planungssicherheit. Die Qualifikation für die WM 2006 in Japan und für die EM 2007 stehen fest. 2007 geht es dann um die Olympiaqualifikation für Peking 2008.

Dirk Bauermann, der in Belgrad seinen größten Erfolg als Trainer feierte, warnte davor, ähnliche Erfolge auch in der Zukunft zu erwarten. „Das hier war schon mehr, als ging“, sagte der Vereinstrainer von GHP Bamberg, „diese Mannschaft ist über sich hinausgewachsen.“ Er fand im Moment des Jubelns mahnende Worte für den deutschen Basketball, der ein Nachwuchsproblem hat. „Wir brauchen nicht jedes Jahr einen Schrempf oder einen Nowitzki“, sagte Bauermann, „aber wir müssen jedes Jahr zehn Spieler finden, die auf europäischem Niveau eine gute Rolle spielen können.“ Die aktuelle Mannschaft hat diesen Nachweis eindrucksvoll erbracht, doch das Ende ihrer Haltbarkeitszeit ist absehbar. Misan Nikagbatse war mit 23 Jahren der jüngste Deutsche bei dieser EM, alle anderen sind älter als 26 Jahre.

Roland Geggus sieht das gelassen. „Manche suchen jetzt schon das Haar in der Suppe von 2008“, sagte der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes, „ich bleibe optimistisch.“ Er hofft künftig auf die Spieler, die gegenwärtig in der A2-Nationalmannschaft spielen. Und darauf, dass einige aus dem aktuellen Team auch nach den Olympischen Spielen von Peking für ihr Land auflaufen werden. So wird Dirk Nowitzki zu diesem Zeitpunkt erst 30 Jahre alt sein. Doch der Basketball-Bund ergreift bereits erste Maßnahmen, um den Nachwuchs besser zu fördern. Am 9. Oktober wird der Verband gemeinsam mit der Basketball-Bundesliga ein neues Programm vorstellen.

Die deutschen Spieler hoffen nun, dass ihr Erfolg von Belgrad hilft, damit künftig wieder mehr deutsche Spieler in den Vereinen der Basketball-Bundesliga spielen. Nach der Aufhebung der Ausländerregel stehen nur noch wenige Einheimische in den Kadern der 16 Klubs. Von den Silbermedaillengewinnern werden die Fans in Deutschland nur Pascal Roller (Frankfurt) sowie Demond Greene und Stephen Arigbabu (beide Alba Berlin) zu sehen bekommen. Der Rest spielt im Ausland oder sucht, wie Marko Pesic, Robert Maras und Robert Garrett, einen neuen Verein. „Es ist schade, dass nur noch wenige Deutsche in der Bundesliga spielen“, sagte Mithat Demirel. Der Aufbauspieler ist gerade zu Besiktas Istanbul gewechselt, weil ihn das Vertragsangebot von Alba Berlin nicht zufrieden stellte.

Um 14.30 Uhr stand der Spielmacher am Montag mit der Mannschaft vor dem Lufthansa-Schalter 504 auf dem Belgrader Flughafen. Bis in den Morgen hatte er mit dem Team auf einem Boot an der Donau gefeiert. „Es hat ganz schön gefährlich gewackelt“, sagte Sven Schultze. Doch alle zwölf haben auch diese letzte Bewährungsprobe überstanden. Gemeinsam.

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