Sport : Die zweite Chance

Trainer Gerets versucht es noch einmal: mit Wolfsburg

Oliver Trust

Auf seinem Bauernhof in Belgien wird nun einiges liegen bleiben. Erik Gerets konnte in den vergangenen zwei Monaten nicht alles erledigen, was er sich vorgenommen hatte. Der Mann, der Mauern zentimetergenau hoch ziehen kann und „weiß, welche Werkzeuge ich einsetzen muss“, kehrt nun früher als geplant in die Bundesliga zurück. Was er Peter Pander an einer Raststätte der Autobahn A2 bei den Vertragsverhandlungen erzählte, muss den Manager des abstiegsbedrohten VfL Wolfsburg überzeugt haben. Gestern stellte ihn der Verein als neuen Trainer vor. Als erste Maßnahme kündigte Gerets Einzelgespräche an. „Ich habe Zeit, mit allen Spielern zu sprechen.“ Heute leitet er bereits das Training, am kommenden Samstag wird er im Bundesligaspiel bei Hertha BSC erstmals auf der Wolfsburger Bank sitzen. Sein Vertrag gilt bis 2006 und lediglich für die Erste Liga. Gerets, der den glücklosen Jürgen Röber ablöst, soll beim VfL rund 1,5 Millionen Euro verdienen.

„Mein Konzept kann aber auch schon morgen stehen“, erklärte Gerets. Eigentlich bevorzugt er ein 4-4-2-System, also eine Viererabwehrkette. Das tat er auch, als er mit Lierse, Brügge und Eindhoven in Holland und Belgien vier Mal den Meistertitel gewann. In Kaiserslautern, wo er mit Assistenztrainer Reinhard Stumpf entlassen wurde, richtete er damit zunächst mehr Chaos an. Die Spieler kamen mit dem System nicht zurecht. Gerets hatte in seinem ersten Job in der Bundesliga keine Erfahrung mit dem Abstiegskampf.

In der Pfalz traten wegen des aus vielen Nationen zusammengestellten Kaders Sprach- und Disziplinprobleme zu Tage. Und das, obwohl der bärtige Gerets mehrere Sprachen spricht. Eine ähnliche Konstellation findet er nun auch in Wolfsburg vor. Zudem ist es verwunderlich, dass Gerets mit Stumpf als Assistent antritt. In der Pfalz opponierte die halbe Mannschaft gegen Stumpf, der sich mit seinem Kasernenton und manchem harten Waldlauf keine Freunde schuf.

Erik Gerets selbst war bei den Kaiserslauterer Spielern und deren Anhängern beliebt, weil er sich als verständnisvoller Partner zeigte. In Kaiserslautern musste Klubchef Jäggi seinen Wunschtrainer des Öfteren zu harten Maßnahmen drängen. Als dort Spieler suspendiert wurden, ging das allein auf Jäggis Initiative zurück. Gerets sieht sich selbst als menschlichen Trainer, der zwar auf Disziplin Wert legt, aber auch gern erzählt, dass er sich mit Politik beschäftigt, einst T-Shirts für die Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ verkaufte und seinen Spielern sofort erlauben würde, an Demonstrationen teilzunehmen.

„Ich hätte lieber zur nächsten Saison wieder angefangen. Aber wenn es nicht anders geht, muss man es eben eher machen“, sagt der 86-malige belgische Nationalspieler. Wolfsburg sei für ihn eine der letzten Möglichkeiten, einen Job in der deutschen Bundesliga zu bekommen. „Die Bundesliga hat mich immer gereizt“, erzählt er. Für ihn geht es darum, zu beweisen, dass er in der deutschen Liga dauerhaft Erfolg haben kann. „Er muss der Mannschaft eine klare Linie vermitteln“, fordert Wolfsburgs Manager Peter Pander. „Überall, wo ich war, hatte ich Erfolg“, sagt Gerets. Mit einer Ausnahme jedoch: Kaiserslautern.

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